Aus Kalifornien kommt eine höchst beunruhigende Nachricht: Zwei Substanzen, die in sehr häufig ärztlich verordneten Tranquilizern enthalten sind, stehen jetzt im Verdacht, angeborene Schäden an Kindern zu verursachen, deren Mütter diese Beruhigungsmittel während der ersten sechs Monate ihrer Schwangerschaft eingenommen haben.

Ein schlüssiger Beweis für diesen Kausalzusammenhang steht noch aus, doch legen die Ergebnisse einer umfangreichen Studie, die am 12. Dezember in der Zeitschrift "The New England Journal of Medicine" veröffentlicht worden sind, den Verdacht nahe, daß Frauen, denen in der frühen Schwangerschaft Beruhigungsmittel verordnet werden, die Meprobamat oder Clordiazepoxid enthalten, ein wesentlich erhöhtes Risiko eingehen, ein mißgebildetes Kind zur Welt zu bringen als Frauen, die in dieser Zeit andere oder gar keine beruhigenden Mittel einnehmen.

Die Untersuchung, die dieses alarmierende Resultat zeitigte, ist Teil einer seit 1959 von der University of California in Berkeley unternommenen Großstudie von Arzneimittelschäden an Embryos und Säuglingen. In diesem speziellen Fall hatten Lucille Milkovich und Dr. Bea van den Berg 19 044 Lebendgeburten untersucht. Dabei handelte es sich ausschließlich um Kinder, deren Mütter laut ärztlicher Diagnose während der Schwangerschaft unter Spannungs- oder Angstgefühlen gelitten hatten. Eine Gruppe dieser Frauen hatte Meprobamat, eine andere Chlordiazepoxid, eine dritte Gruppe hatte andere Beruhigungsmittel und eine vierte hatte überhaupt keine Tranquilizer während der ersten sechs Schwangerschaftswochen eingenommen. Das Ergebnis: Sowohl in der Meprobamatgruppe als auch in der, die Chlordiazepoxid erhalten hatte, war der Anteil der Kinder, die mit organischen Schäden geboren worden waren, mehr als viermal so groß wie in der vierten Gruppe derjenigen, die kein Medikament bekommen hatten und mehr als doppelt so groß wie in der Gruppe von Frauen, die mit anderen Beruhigungsmitteln behandelt worden waren.

Seit der Contergan-Katastrophe Anfang der sechziger Jahre sind Arzneimittel verstärkt daraufhin geprüft worden, ob sie Schäden an Embryonen hervorrufen können. Entsprechende Tierversuche mit den nunmehr in Verdacht geratenen Substanzen hatten keinen Hinweis auf solche Nebenwirkungen ergeben. Allerdings soll sich in Rattenversuchen gezeigt haben, daß Junge solcher Muttertiere, die während der Trächtigkeit Meprobamat erhalten hatten, bei Lernexperimenten schlechtere Leistungen erbrachten als Jungtiere von unbehandelten Rattenmüttern.

Auf dem deutschen Arzneimittelmarkt gibt es viele Medikamente, die Meprobamat enthalten. Zu ihnen gehören Aneural, Cyrpon, Dabromat, Meprocompren, Meprosa, Miltaun, Urbilat, Neurosolvin, Uphabamat, Clindorm, Exphobin, Meprosedon, Pathibamat, Regium, Sedapon, Tonamyl und Visano. Chlordiazepoxid ist in Librium und Librax enthalten.

Über die – leider immer noch nicht ernst genug genommenen – Warnungen an die Ärzte hinaus, Schwangeren möglichst keine Arzneimittel, deren Anwendung nicht dringend geboten ist, zu verordnen, raten die Autoren der Studie ihren Arztkollegen eindringlich, allen Frauen im gebärfähigen Alter Beruhigungsmittel jeglicher Art nur in solchen Fällen zu verschreiben, in denen eine solche Behandlung unumgänglich ist. Insbesondere aber sollten diese Patienten keine Meprobamat oder Chlordiazepoxid enthaltenden Mittel bekommen. Denn bei keiner Frau dieser Altersgruppen sei eine beginnende Schwangerschaft, also das am meisten gefährdete Stadium für ein keimendes Leben, mit Sicherheit auszuschließen.

Da ein Beweis für die embryoschädigende Wirkung der beiden Chemikalien noch nicht erbracht ist, besteht selbstverständlich die Möglichkeit, daß sich der Verdacht der kalifornischen Forscher als blinder Alarm herausstellt, obwohl Umfang und Anlage der Untersuchung dies als wenig wahrscheinlich erscheinen lassen.