Von Fritz Brühl

Einem Zeitungsabonnenten wird das Blatt seiner Wahl in den Jahren der Gewöhnung leicht zum Herzblatt, von dem er nur ungern läßt. Zwar ist der Wechsel eines Abonnements häufiger als etwa der eines Parteibuchs. Aber wenn beim Leser neben die Erwartung, informiert und unterhalten zu werden, auch noch die "Soziusfunktion" des Zeitungsblattes tritt, die ihn in eine Aura der Vertrautheit, ja Geborgenheit hineingleiten läßt, dann wird er befangen und betriebsblind. Nur andere Blätter, kontinuierlich beobachtet, oder Rundfunk und Fernsehen können ihn da gelegentlich aufstören und ihm deutlich machen, daß er von seiner Zeitung unzulänglich, also einseitig bedient wird.

So ein Hausblatt wirklich kritisch zu verfolgen, fällt dem Laien im allgemeinen nicht leicht. Längst haben die Zeitungen der Bundesrepublik dem Stil des leicht erkennbaren Parteiblattes oder Kampfblattes abgeschworen, von geringen Ausnahmen abgesehen; sie stehen politischen Richtungen "nahe", und auch diese Nachbarschaft bleibt (aus Gründen des Kommerzes) vielfach nach außen so sorgfältig getarnt, wie sie im Innern höchst wirksam ist. Unvergessen ist, wie eine bedeutende Zeitung am Rhein vor Jahren aus ihrem Untertitel unter dem Aufschrei der Kleriker das Wort "christlich" strich, um so die Eingrenzung des redaktionellen Gehalts zu tilgen. Immerhin läßt dieser Prozeß eine gewisse Vermutung zu, es sei heute dort die Aufforderung zu Toleranz und Fairneß besser aufgehoben als zur Weimarer Zeit. Freilich ist diese Vermutung immer wieder zu überprüfen.

Wenn Studenten der Publizistik den Auftrag erhalten, Ausgaben einer Zeitung kritisch unter die Lupe zu nehmen, dann tun sie sich schon schwer genug, sobald sie sich auf eine quantitative Inhaltsanalyse einlassen müssen, die sie zu der unwürdigen Beschäftigung des Zeilenzählens und anderem verurteilt. Zwar können da gewisse Einsichten statischer, leicht meßbarer Art gewonnen werden. Aber eine qualitative Analyse, die zum Kern der Zeitungsaussage vordränge, verlangt ein anderes, diffizileres Instrumentarium, das Meldung um Meldung und Kommentar um Kommentar in ihren Sinnzusammenhängen, in ihrem Sprachschatz und dessen Assoziationsfähigkeiten an den Regeln der journalistischen Redlichkeit mißt (um den Begriff Objektivität, die es nicht geben kann, hier auszuschließen). Wie seziert man etwa einen satirisch gemeinten Satz inmitten einer sonst spröde-trockenen Wortfolge?

Diese Aufgabenstellung und ihre Schwierigkeitsgrade zeigt ein Buch:

Rainer Lewandowski, Stephan Lohr: "Bürgerliche Presse – Gewalt gegen links. Strategie der Gegenreform"; Werner Raith Verlag, Starnberg 1974; 187 Seiten, 12,80 DM

das sich mit der Art und Weise beschäftigt, wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" 1972 fünf Monate lang die Vorgänge um die Professoren Peter Brückner und Jürgen Seifert publizistisch behandelt hat.