An der Börse wird geschätzt, daß in den vergangenen Monaten Ölförderländer für zwei bis drei Milliarden Mark deutsche Aktien erworben haben. Darin ist allerdings schon der Verkauf der Quandt-Beteiligung an Daimler enthalten. Jürgen Ponto, Sprecher der Dresdner Bank, hat eingeräumt, daß sein Haus nicht nur an der Vermittlung des Daimler-Pakets an Kuwait beteiligt war, sondern auch geholfen hat, andere erstklassige deutsche Aktien "zu Anlagezwecken" an die Araber zu verkaufen. Beziehungsreich hat sich der Sprecher der Dresdner Bank an der Börse deshalb den Spitznamen "Achmed Ben Ponto" eingehandelt.

Dies ist nicht der richtige Platz, sich über Nutzen und Gefahren zu unterhalten, die mit dem Eindringen von Öldollar in deutsche Unternehmen und in den deutschen Immobilienmarkt entstehen. Sie wissen, meine verehrten Leser, daß man sich in Bonn Gedanken über eine Meldepflicht bei Aktienverkäufen ins Ausland Gedanken macht, ja unter Umständen diese sogar genehmigungspflichtig machen will. Unterstützt werden solche Erwägungen merkwürdigerweise gerade von jenen Leuten, die sich bisher besonders darin gefielen, die Freiheit und Liberalität des deutschen Kapitalmarktes zu rühmen. Aber das ist ein anderes Kapitel...

Ich gehe davon aus, daß – bevor die Bundesregierung Einschränkungen verfügt – die Araber und die Perser ihre deutschen Aktienkäufe fortsetzen werden, vielleicht sogar beschleunigt, um administrativen Maßnahmen zuvorzukommen. Deshalb wird der deutsche Aktienmarkt in den nächsten Wochen weiterhin von Öldollars "befruchtet" werden.

Es besteht kein Zweifel, daß die deutsche Börse ihre in den vergangenen Monaten demonstrierte relative Stabilität nicht zuletzt auch den Ölscheichs zu verdanken hat. Ihre Geldflut ergoß sich allerdings nicht auf die ganze Breite des Marktes. Investiert wurde ausschließlich in erstklassigen deutschen Papieren. Das deutet darauf hin, daß die Araber tatsächlich nicht mehr wollen als nur eine nachhaltig gute Anlage. An einem beherrschenden Einfluß in irgendeinem Unternehmen sind sie offensichtlich nicht interessiert.

Falls die Ankündigung des Staatspräsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate allerdings stimmen sollte, sich mit 200 Millionen Mark bei einer deutschen Großwerft einzukaufen, um dort Großtanker bauen zu lassen, würde sich die Szene grundlegend ändern. Zunächst hatten die Besitzer von Werftaktien durch die Publizität solcher Wünsche die Freude, die Kurse ihrer Papiere kräftig steigen zu sehen. Der Kurs der Krupp-Werft "AG Weser" stieg seit Anfang Dezember von 300 auf 350 Mark. In den Aktien der Werft Bremer Vulkan kam es unter Millionenumsätzen zu einer Kursbesserung von knapp zehn Prozent innerhalb weniger Minuten. Zusammen mit den bundeseigenen Howaldtswerken kämen nur diese Werften für die Befriedigung arabischer Wünsche in Frage.

Zwar haben die Großaktionäre der drei Schiffbaubetriebe sofort erklärt, nicht mit arabischen Interessenten zu verhandeln; gleichwohl ist im Falle des Bremer Vulkan ein leiser Zweifel geblieben. Aus zwei Gründen, so teilt die Oldenburgische Landesbank ihrer Wertpapierkundschaft mit: "Erstens hat sich der Bremer Vulkan mit seinen Supertankern in der Welt einen guten Namen gemacht und ist allein schon deshalb für ein ölförderndes Land ein passendes Objekt. Zweitens ist bei ihm der im freien Besitz befindliche Teil des Grundbesitzes mit 25 Prozent am größten. Außerdem wird der Großaktionärin, der Thyssen-Bornemisza-Gruppe in Amstelveen (Holland), nachgesagt, daß sie in letzter Zeit wiederholt versucht habe, ihre Beteiligung von 75 Prozent (sie betrug einstmals fast 90 Prozent) weiter zu reduzieren."

Spektakuläre Kurssteigerungen, die auf die "Araber-Phantasie" zurückzuführen sind, hat es bislang nur in den eben aufgeführten Werftaktien gegeben. Die wirklichen Käufe sind mit großer Behutsamkeit vorgenommen worden, was auf die Hilfe erfahrener Banken deutet. Der aufmerksame Börsenbeobachter kommt zu dem Schluß, daß Mannesmann-, Siemens- und Deutsche-Bank-Aktien zu den bevorzugten Papieren gehören müssen. Hier ist es in letzter Zeit zu beträchtlichen Umsätzen gekommen. Alle drei Papiere haben sich recht kräftig von ihren Jahrestiefstkursen erholt, und ihre Notierungen bewegen sich nicht unerheblich über den Jahresultimokursen von 1973. Es handelt sich um Aktien mit einem breiten Markt, der nicht durch Großaktionäre eingeengt wird.