Solange die Benzin- und Heizölpreise sinken, sieht niemand den Wettbewerb gefährdet, selbst wenn dies bei allen großen Mineralölgesellschaften mehr oder weniger im Gleichschritt geschieht. Versuchen die Unternehmen dagegen, unter Hinweis auf beträchtliche Verluste die Preise an den Zapfsäulen anzuheben, erschallt sofort der Ruf nach dem Kartellamt, und die Politiker fühlen sich berufen, ein "derart instinktloses Verhalten" lautstark anzuprangern.

Natürlich dürfen die Mineralölkonzerne nicht erwarten, daß sie für Preiserhöhungen auch noch Dank ernten – gleichgültig, warum sie es tun und wie sie es begründen. Andererseits ist es aber auch gleichgültig, was sie tun – es allen recht zu machen, wird ihnen wohl nie gelingen.

Werden die Preise schrittweise und zunächst nur an einzelnen Zapfsäulen erhöht, müssen die Konzerne sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie die Öffentlichkeit überlisten wollen. Geben sie ihre Absicht vorher öffentlich bekannt, lautet der Vorwurf, Verbraucher und Wirtschaftspolitiker würden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Und was den Zeitpunkt angeht: Einmal heißt es, die Konzerne wollten Einfluß auf die kommenden Wahlen nehmen, ein andermal wird ihnen vorgeworfen, sie hätten absichtlich bis nach der Abstimmung gewartet.

Und was die Preise selber angeht: Sind sie niedrig, dann zetern die freien Mineralölhändler, die Konzerne versuchten, sie auszuhungern und mit Kampfpreisen aus dem Markt zu verdrängen. Steigen die Benzin- und Heizölpreise, wird den Unternehmern vorgeworfen, die Verbraucher auszuplündern.

Was nützt es da, daß eine unabhängige Prüfungsgesellschaft der BP gerade bescheinigt hat, daß sie von ihrer Muttergesellschaft keineswegs zu überhöhten Preisen beliefert wird und daß selbst die im Frühjahr gescheiterte Preiserhöhung ihr keine angemessene Kapitalverzinsung eingebracht hätte. Die Gesellschaften mögen noch so oft darauf hinweisen, daß nirgendwo in Europa die Benzinpreise (ohne Steuern) so niedrig sind wie in der Bundesrepublik. Sie mögen noch so viele Zahlen vorlegen, um zu beweisen, daß sie nicht unangemessen viel verdienen. Das Vorurteil, daß die Mineralölkonzerne sich in jedem Fall "dumm und dusselig verdienen", ist wohl unausrottbar. mj