Von Rolf Michaelis

Unwahrscheinlich" nennt Christa Wolf, 1929 in Landsberg/Warthe geboren, im Untertitel ihr fünftes Buch nach den beiden Romanen "Der geteilte Himmel" (1963), "Nachdenken über Christa T." (1968), den literarischen Essays "Lesen und Schreiben" (1972) und der (mit ihrem Mann Gerhard Wolf verfaßten) Filmerzählung "Till Eulenspiegel" (1973) –

Christa Wolf: "Unter den Linden – Drei unwahrscheinliche Geschichten"; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1974; 172 S., 22,– DM

Was ist unwahrscheinlich? Daß eine junge Frau (in der an Kafkas gespenstische Gerichtsverhandlung erinnernden Titelgeschichte) im Traum sich selber begegnet auf der Ostberliner Prachtstraße Unter den Linden, die qualvoll unerlöste Ehebruchsaffäre mit dem Universitätsdozenten noch einmal durchleidet und schließlich zu sich selbst erwacht? Daß ein Nachfahr von E. T. A. Hoffmanns Kater Murr, der philosophierende Katzenmann Max, bei dem Professor der Angewandten Psychologie Barzel dessen Forschungsträume von TOMEGL (Totales Menschenglück) und SYMAGE (System der maximalen körperlichen und seelischen Gesundheit) mit der Skepsis eines der Natur noch nicht völlig entfremdeten Geschöpfes glossiert? Daß die junge Ich-Erzählerin der ins Jahr 1992 verlegten Geschichte, die Doktorin der Physiopsychologie und Leiterin der Arbeitsgruppe GU (Geschlechtsumwandlung) im Institut für Humanhormonetik, das Experiment, das sie in einen Mann verwandelt hat, abbrechen läßt, als sie erkennt, wie ihr die Wirklichkeit menschlischen Lebens entgleitet, wie sie verkümmert und, als Mann, hinnehmen könnte, daß "die Wörter ‚menschlich‘ und ,männlich‘, einer Wurzel entsprungen, unrettbar voneinander wegtrieben"?

Was Christa Wolf als "unwahrscheinlich" vorstellt, ist erschreckende, durch Ironie kaum besänftigte Wirklichkeit. Im Gewand phantastischer Traumerzählung, satirischer Tierfabel, sarkastischer Science-fiction schreibt die Autorin aus der DDR drei Stücke gesellschaftskritischer Prosa als Liebesgeschichten, denn wie die ganz realistische Traumfrau der Titelerzählung sagt: "Noch wehren wir uns ... gegen die ... Verabredung, das Ausbleiben der Liebe sei nicht tragisch zu nehmen. Ein Mann erklärt sich alles und lehnt es ab zu leiden. Wir, bedauerlicherweise, können uns nur durch Liebe mit der Welt verbinden."

Die drei Erzählungen, geschrieben in den Jahren 1969 bis 1972, sind untereinander verwandt weniger durch Thematik (Sozialsatire) oder Motive (immer richtet sich der Spott gegen blind weit verbessern de Wissenschaftler) als durch das heimliche Hauptthema dieser Geschichten, die von Liebe sprechen, die unsere Armut des Gefühls beklagen, nicht wirklich lieben zu können. Den Satz der Frau aus der ersten Erzählung: "Denn höher als alles schätzen wir die Lust, bekannt zu sein" greift in der letzten Geschichte eine Frau auf, die trauert, daß "gewisse Fähigkeiten der Männer verkümmern – wie das Vermögen, uns im wörtlichen wie im biblischen Sinne zu erkennen ... Und er erkannte sein Weib ... Ja: Höher als alles schätzen wir die Lust, erkannt zu werden. Euch aber ist unser Anspruch die reine Verlegenheit, vor der ihr euch ... hinter euren Tests und Fragebogen verschanzt".

Wenn eine in der DDR lebende Autorin einen Kater philosophieren läßt über ideologisch eifernde Wissenschaftler, "welche die ^Menschheit vom Zwang zur Tragödie befreien wollen" und die ihr TOMEGL, ihr "Totales Menschenglück", bei der "gegenwärtigen Unreife großer Teile der Menschheit nicht anders "denn durch Zwang" herbeiführen können, dann ist klar, wer gemeint ist – so klar, daß der Kritiker der Parteipostille "Neues Deutschland" sich beeilte festzustellen, das erinnere "aber sehr daran, wie in westlichen Boulevardblättern geklatscht und getratscht wird", und Erfindungen wie TOMEGL gehörten eher in jene andere Welt".