Hamburg

Ein Indianer kommt nach Hamburg. Er trägt Jeans und Cowboystiefel, seine Zöpfe sind mit hellblauem Band umwickelt und an den Zopfenden hängen braune Hermelinfelle, die der Indianer in New York gekauft hatte. In seiner Heimat Minnesota haben Pelztierjäger diese Tiere längst ausgerottet. Der Indianer wird von Mitgliedern eines "Vereins zur Erhaltung der natürlichen ökologischen Struktur der Erde" begrüßt. Ein Fernsehautor stellt ihn in den verschneiten Wald, er holt seine heilige Pfeife aus dem Koffer und rückt sie wirkungsvoll ins Blickfeld der Kamera. Der Indianer kommt rasch und präzise zur Sache.

Clyde Bellecourt, 38 Jahre alt, Indianername Hoksila Wakan (Holy Boy) vom Stamme der Chippewa, ist einer der bedeutendsten Indianerführer Nordamerikas, Mitbegünder von AIM, dem radikalen "American Indian Movement". Bei der Besetzung von Wounded Knee im Februar 1973 wählten ihn die Frauen zum "War Chief". Die kriegerische Bezeichnung knüpft bewußt an Indianertraditionen an. Wounded Knee galt als Fanal für den Indianerkampf gegen Unrecht und Diskriminierung; Clyde Bellecourt ist ein Indianerkrieger von heute.

Er ist zum erstenmal in Europa. Eingeladen hat der Weltkirchenrat in Genf. Von der Schweiz reiste Bellecourt nach Berlin, wo seit einem Jahr das erste AIM-Büro in Europa besteht. Es folgten Besuche in Hamburg, München, Stockholm und in dem Pariser Büro, das die Wounded-Knee-Angeklagten unterstützt. Bellecourt selbst erwartet seinen "Rädelsführer"-Prozeß Anfang des kommenden Jahres. "Doch den Deutschen sind wir besonders dankbar", sagt Bellecourt: "Nach Wounded Knee trugen sich zwei Millionen Bundesbürger in Sympathielisten ein. Mehr als in jedem anderen Land."

Überwiegend junge Leute drängen in das Kindertheater "Klecks" im Hamburger Karolinenviertel. Einige tragen Wounded-Knee-Buttons am Pulli. Bellecourt kommt auf die Bühne, die Faust zum "Red-Power"-Gruß geballt. Die umgekehrte Stars-and-Stripes-Flagge am Rednertisch signalisiert nach amerikanischem Brauch einen Notstand. Bellecourt hat einen Rhetorikkurs absolviert, mit Zeichen und Gebärden demonstriert er Indianisches: Den gedankenschweren Griff zur Pfeife, wenn von Religion die Rede ist, den drohenden Blick von der Seite, wenn er vom politischen Kampf spricht. Doch Bellecourt wirkt nicht militant. Die Kriegerpose ist symbolisch, er benutzt Argumente statt Demagogie. "Sie nannten uns Heiden und Wilde", sagt er, "weil wir glauben, daß alles, was wächst und kreucht und fleucht, unser Bruder und unsere Schwester sind. Nun schimpft man uns radikal und militant, weil wir neuerdings auf unsere Rechte pochen."

Für "Traditionalisten" wie Bellecourt gehört beides zusammen: Echte Selbstbestimmung in den Reservaten und Rückbesinnung auf die eigene Religion und Kultur. "Wir wollen nicht wie der weiße Mann sein, oder wie der schwarze", sagt Bellecourt. "Wir haben eine eigene Kultur, wir wollen Indianer sein."

Vierzehneinhalb Jahre seines Lebens hat Clyde Bellecourt in amerikanischen Gefängnissen verbracht. Das erstemal kam er mit acht Jahren hinter Gitter. Er war aus der Missionsschule weggelaufen, wo man ihm seine Indianerzöpfe abgeschnitten und ihn mit dem Lineal geschlagen hatte. Später wurde Bellecourt Alkoholiker. Die trostlose Indianer-Statistik verzeichnet: 25 Prozent der männlichen Erwachsenen und 95 Prozent aller Indianer, die in Gefängnissen sitzen, sind Alkoholiker. Im Gefängnis lernte Bellecourt zwei Stammesbrüder kennen, mit denen zusammen er 1968 AIM gründete: Dennis Banks und George Mitchell. Inzwischen gibt es in den USA 86 "AIM-Chapters", in Kanada 32. Das Büro in Denver/Colorado führt Vernon Bellecourt, Clydes älterer Bruder, AIM gründete bislang vier "Überlebensschulen" für Indianerkinder aus zerbrochenen Familien, die auf "weißen" Schulen nicht zurechtkommen.

Jetzt, zu Weihnachten, beginnt in Lincoln/Nebrasca das sogenannte "Treaty-Hearing", zu dem Clyde Bellecourt in die USA zurückreist. Es geht dabei um die Frage, ob die Anklage gegen 500 Personen im Zusammenhang mit Wounded Knee berechtigt ist. Die Anwälte der Indianer berufen sich nämlich auf einen Vertrag mit Washington, wonach kein Militär, keine Bundessoldaten und keine Bundespolizei in das Pine-Ridge-Indianerreservat kommen dürfen, in dem Wounded Knee liegt. Es sei denn, drei Viertel seiner Bewohner riefen sie um Hilfe. 1973 jedoch war der Ort von Militär und Bundespolizei abgeriegelt, im Tiefflug jagten Militär-Jets über die Häuser, Panzer rollten durch die Straßen. Auf diesem "Treaty-Hearing" wird sich auch entscheiden, ob Clyde Bellecourt wieder einmal ins Gefängnis muß: "Dort kam ich immer nur deshalb hin, weil ich Indianer bin." Petra Meister