Nach vier Monaten gnadenloser "Durchleuchtung" im Kongreß wurde Nelson Rockefeller am späten Donnerstagabend als 41. Vizepräsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Die Hearings dauerten so lange, weil die Verbindung von enormen Reichtum und möglicherweise großer Macht ("einen Herzschlag" vom Weißen Haus entfernt) vielen Abgeordneten gefährlich erscheint. Es ging nicht nur um Rockefellers großzügige Geldgeschenke und um die für den Milliardär selber nicht mehr ganz durchsichtigen Vermögensverhältnisse; es ging vielen um das Prinzip. Der Abgeordnete Patman aus Texas sprach vom "größten Interessenkonflikt, den man sich vorstellen kann".

Am Ende überwog der ausgezeichnete Eindruck, den der 66 Jahre alte Republikaner auf Grund seiner Selbstsicherheit und seiner politischen Erfahrung als langjähriger Gouverneur des Staates New York hinterlassen hat. Kein Vizepräsident brachte bisher so viel Regierungspraxis mit ins neue Amt.

Mit ausschlaggebend war die Erwägung, daß viele republikanische Senatoren und Abgeordnete in Rockefellers Weitläufigkeit und seinen Verbindungen auch zur akademischen Elite eine willkommene Ergänzung zum eher provinziellen Zuschnitt des Präsidenten, des "netten Burschen" aus den Mittelwesten, sehen.

Der Senat stimmte an: Ende mit 90 gegen sieben Stimmen für Fords Kandidaten. Das Repräsentantenhaus hatte sich zuvor mit 287:128 Stimmen für ihn entschieden. Das Ende der langwierigen Prozedur und Seelenmassage im rauhen Klima der "Nach-Watergate-Moral" – währenddessen mußte sich seine Frau zwei Krebsoperationen unterziehen – quittierte Rockefeller mit sichtbarer Erleichterung; doch er gab sich gelassen: "Es war eine fabelhafte Erfahrung. Ich habe viel gelernt."

Zum erstenmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind Präsident und Vizepräsident nicht vom Volk gewählt, sondern – auf Grund des 25. Verfassungszusatzes von 1965 – vom Kongreß. Es begann damit, daß Vizepräsident Agnew wegen Steuerhinterziehung im Oktober 1973 zurücktrat. Präsident Nixon nominierte als Nachfolger den republikanischen Fraktionsführer im Repräsentantenhaus, Ford. Acht Monate nach dessen Bestätigung trat Nixon selber wegen der Watergate-Affäre zurück. So kam erstmals ein nicht vom Volk gewählter Vizepräsident ins höchste Amt. Ford seinerseits nominierte dann Rockefeller, um den vakant gewordenen Vizepräsidentenposten neu zu besetzen.

Ford hat in den letzten Wochen mehrfach angekündigt, daß er seinen Stellvertreter nicht nur für repräsentative Aufgaben einsetzen, sondern eine "volle Partnerschaft" mit ihm anstreben wolle. Möglicherweise wird der dreimal gescheiterte Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur wichtige innenpolitische Aufgaben in dem von der Rezession bedrängten Land übernehmen. Inzwischen wurde er schon zum stellvertretenden Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates ernannt. In der gleichen Funktion gehört er dem Rat für innere Angelegenheiten an.

In Washington ist man jedenfalls überzeugt, daß für Nelson Rockefeller nicht jenes Bonmot gelten wird, das Amerikaner wegen der herkömmlichen Bedeutungslosigkeit der Vizepräsidentschaft gern kolportieren: "Einer meiner Brüder ging zur See, der andere wurde Vizepräsident. Von beiden hat man nie wieder etwas gehört."