Clara Haskil Vermächtnis

Ihr Tod, am 7. Dezember 1960 nach einem Unfall, bedeutete das Ende von fünfzig Jahren nahezu unumstrittener Dominanz in einem Bereich der Klaviermusik: der subtilen und niemals sich aufdrängenden, ebenso sehr auf Schönheit wie Leichtigkeit, auf Konzentration und Beseeltheit bedachten, zwar technisch perfekten, aber keineswegs vordergründig virtuosen Interpretation, vor allem in den eher intimen und introvertierten Stücken von Mozart und Beethoven, Chopin und Schumann, Brahms und Ravel. Auf neun Langspielplatten ist ein Teil dessen, was sie so unnachahmlich spielte und was zu einem Maßstab für viele wurde, jetzt neu veröffentlicht Natürlich kann manches unter diesen Aufnahmen dem Hi-Fi-Standard der jüngsten Zeit nicht ganz entsprechen, trotzdem zählt diese Kassette unter den Sammlungen dieser Saison zu den wichtigsten und auch – gemessen am Umfang – preislich günstigsten. (Philips 6747 055, 9 LP, 79,– DM)

Heinz Josef Herbort

Aribert Reimann: "Klavierkonzert/Engführung"

Aribert Reimann, Jahrgang 1936, ist einer jener – fast könnte man sagen – Stillen unter den Komponisten im Lande, der nur in größeren Zeitabständen etwas veröffentlicht, dann aber durch honorige Solidität des handwerklichen Könnens, durch Phantasie, die sich an die Grenzen des Realisierbaren hält, durch eine verständlich bleibende und nicht brutal verschreckende Modernität und einen dabei trotzdem keineswegs minimalistischen Anspruch beeindruckt. Sein "Konzert für Klavier und 19 Spieler" will nicht durch bombastische Klänge oder sensationelle Neuerungen, nicht durch grandiose Demonstration pianistischen Könnens Bewunderung hervorrufen, sondern durch präzise kammermusikalische Arbeit Interesse, Anteilnahme, Verstehen ermöglichen. In der "Engführung" läßt sich schon nach kurzem Zuhören erkennen, wie hier Textstrukturen (Paul Celan; bereits 1960 entstand ein Liederzyklus nach Celan für Dietrich Fischer-Dieskau) in musikalische übersetzt sind – für jene, die sich in moderne Satz- und Formkünste hineinhören und verstehend an ihnen Gefallen finden mögen, ein glänzendes Lehrstück. (Wergo 60 072, 21,– DM) Heinz Josef Herbort

"Songs – Brot für die Welt"

Ein bißchen zaghaft legt man die Platte auf, dessen eingedenk, daß es sich ja um eine Wohltätigkeitsveranstaltung handelt. Doch man merkt alsbald, daß Gnade keineswegs vor Kritik gehen muß: zwei gestandene Sänger, zwei kraftvolle Stimmen, aber eben auch zwei intelligente Köpfe. Inge Brandenburg (berühmt durch Jazz) und Bill Ramsey (berühmt durch Schlager, aber bekannt dafür, verkannt worden zu sein) singen keine Bettelsongs, sondern ziemlich angreifende Texte; darin wird nur manchmal etwas ziemlich dick aufgetragen, manchmal auch reichlich simpel gereimt. Aber die Entschuldigung ist nicht nötig, das wichtigste sei ja der Kauf der Platte gewesen: Es lohnt sich hinzuhören. (Schwann studio 310, 12,80 DM inklusive Spende)