Unternehmer und Politiker üben sich auf einer Konferenz in guten Vorsätzen

Zwei Gefahren drohten der Berlin-Konferenz, zu der Bundeskanzler Helmut Schmidt sowie führende Unternehmer, Bankiers, Gewerkschaftler und Politiker nach West-Berlin eingeladen wurden. Einmal durfte nicht der Eindruck aufkommen, es handele sich um eine Neuauflage der Altena-Aktion. Nach dem Chruschtschow-Ultimatum von 1958 sammelte der damalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Fritz Berg, auf einem Unternehmertreffen in Altena/Westfalen Aufträge für die von einer Vertrauenskrise bedrohten Wirtschaft des Stadtstaates. Zum anderen durfte nicht passieren, daß nach großen und schönen Worten praktisch nichts herauskommt, wie dies bei ähnlichen Berlin-Plänen und Aktionen schon mehrfach der Fall gewesen ist.

Beide Gefahren sind offenbar geschickt umgangen worden. Die rund vierzig Konferenzteilnehmer – unter ihnen DIHT-Präsident Wolff von Amerongen, ÖTV-Boß Kluncker, Daimler-Benz-Generaldirektor Zahn, Bundeswirtschaftsminister Friderichs – vertraten einhellig die Auffassung, daß es der West-Berliner Wirtschaft nicht schlecht gehe. Es gibt keine aktuellen Krisenerscheinungen, keine politischen Bedrohungen, Produktivität und Investitionsraten sind höher als im Durchschnitt der Bundesrepublik. Zu einer Neuauflage von Altena besteht also kein Anlaß.

Ziel der Konferenz war denn auch nicht die Bewältigung aktueller Sorgen. Es ging vielmehr darum, Wege zu finden, wie die langfristigen strukturellen Probleme der Weiterentwicklung West-Berlins in Griff zu bekommen sind. Die Überalterung der städtischen Bevölkerung und die Schwierigkeit, neue Arbeitskräfte von Westdeutschland für Berlin anzuwerben, der Mangel an Bau- und Industriegelände, der in den kommenden Jahrzehnten immer bedrohlicher werden wird, die unterdurchschnittliche Entwicklung der Dienstleistungsbereiche, das sind die Probleme, mit denen sich die Konferenz beschäftigte.

Die beteiligten Wirtschaftler brachten eine ganze Reihe von Vorschlägen ein, die größtenteils auch mit der Unterstützung durch die Bundesregierung rechnen können. Zunächst wurden drei Arbeitsgruppen eingesetzt, die sich mit den Themen Ost-West-Kooperation, Forschung und Entwicklung sowie Dienstleistungen zu befassen haben. Mitte nächsten Jahres, wenn die Konferenz wieder zusammentreten soll, hofft man auf konkrete Vorschläge dieser Expertengruppen.

In welche Richtung diese Vorschläge gehen, läßt sich schon jetzt absehen. Viele große Unternehmen der Bundesrepublik haben zugesagt, bei der Vergabe von Fertigungs- und Dienstleistungsaufträgen zu bedenken, ob West-Berlin nicht stärker berücksichtigt werden könnte.

Ferner sollte die Westdeutsche Wirtschart, aber auch die öffentliche Hand, die Planungskapazitäten der rund 40 West-Berliner Consulting- und Engineering-Firmen verstärkt in Anspruch nehmen. Weitere Vorschläge zielen darauf ab, die Berliner Forschungs- und Entwicklungskapazitäten möglichst besser zu nutzen. Neue Forschungsbereiche sollen nun in Berlin konzentriert werden, wenn dort bereits die nötigen Voraussetzungen vorliegen. Durch staatliches Engagement, so hofft man, werde dann auch die private Forschung angeregt.