Von Rolf Michaelis

Also so geht es auch nicht. Da kommen an die dreihundert Schriftsteller aus dreißig Ländern eine Woche lang zum 39. Internationalen PEN-Kongreß in Jerusalem zusammen, der wiedervereinigten Hauptstadt des unter Bombenterror leidenden, von den Spannungen zwischen Arabern und Juden zerrissenen Landes Israel – und es gibt keine Diskussion, keinen Streit, keine literarische oder literaturpolitische Auseinandersetzung.

Bei einer (nicht nur dem gastgebenden PEN-Zentrum anzulastenden) mangelhaften Organisation mit dürftigster Information dösten eine Handvoll zumeist betagter Damen und Herren im Konferenzsaal des Hotels Diplomat auf den Hügeln von Talpiot im besetzten arabischen Gebiet unter der Dusche der zum größten Teil recht unerheblichen Zehn-Minuten-Referate, um sich fit zu machen für die nächste Sightseeing-Tour oder den nächsten Stehempfang – und im Hinterstübchen lagen sich die Delegierten des Exekutivkomitees wegen Formulierung der Resolutionen in den Haaren.

Die wolkigen Allgemeinheiten der Debattenthemen für die drei "Literarischen Sitzungen" ("Nationalliteratur und menschliches Verständnis"; "Sprachliche Kontinuität und der Wechsel literarischer Stile"; "Das Besondere und das Allgemeine in nationaler Literatur") wurde übertroffen nur noch von der beflissenen Banalität der meisten Reden – nein: Referate. Unter häuslicher Lampe ausgearbeitete Manuskripte wurden verlesen. Bei gründlicher Vorbereitung der Tagung hätten sie gedruckt vorliegen müssen, um wenigstens am Vorstandstisch zu ermöglichen, was für den dritten Tag im Programm stand, die berüchtigt-gefürchtete Round-Table-Diskussion.

Ein Kongreß von Intellektuellen als Einbahnstraße? Die holländische Delegierte hatte recht, die darüber klagte, daß immer nur von oben nach unten gesprochen wurde, vom Vorstandstisch und Rednerpult in den Saal, vom Exekutivkomitee zur Hauptversammlung. Schwacher Trost, daß der Internationale Präsident, das freundlich wirre Plaudertalent des vierundsiebzigjährigen englischen Schriftstellers V. S. Pritchett, über die unter seinem Vorsitz zustandegekommenen Beschlüsse oft noch weniger wußte als die Vollversammlung, die aus Zeitungen erfuhr, was in ihrem Namen von den vierzig Weisen des Exekutivausschusses verabschiedet worden war. Wie sagte Pritchett in seiner Eröffnungsansprache? "Reisen bildet."

Das Sätzchen hätte als Motto über dieser Zusammenkunft reise- und lernwilliger Autoren im Heiligen Land stehen können. Nichts dagegen. Die Fahrten nach Nablus, Nazareth, in den Kibbuz Nof Ginosar am See Genezareth und auf die Felsenfestung Masada am Toten Meer waren die Höhepunkte des Kongresses – neben drei Reden, von denen noch zu sprechen ist. Aber: die Fahrten gingen durch besetztes arabisches Gebiet. Und da gibt es dann doch Fragen. Als Fritz J. Raddatz auf einer Pressekonferenz an das heikle Problem rührte, zog er sich den Unmut vor allem der israelischen Teilnehmer zu.

Dies zählt zu den nachdenklich stimmenden Erfahrungen dieser Reise: wie jüdische Intelligenz, die wir nicht nur aus der deutschen Geistesgeschichte als von witzig unnachsichtiger Selbstkritik geprägt schätzen gelernt haben, in der Isolation durch eine feindliche Umwelt nicht geschärft wird, sondern in Gefahr gerät, in selbstzufriedener Apologie des in wenigen Jahren Geleisteten stumpf zu werden. Das stolze "Wir" (haben diese Felder angelegt, diese Dörfer gebaut) der Reisemarschälle in den Touristenbassen, die freundliche Herablassung, mit der die arabischen Kleinbauern der besetzten Gebiete Westjordaniens gelegentlich erwähnt werden, ist unüberhörbarer Ausdruck einer neurotisch verkrampften Situation.