Von Christian Zach

Trotz Herstatt-Pleite und Gerling-Krach ist das Selbstbewußtsein der privaten Versicherungsunternehmen intakt. Unverdrossen lassen sie in einer Karriere-Werbebroschüre verlauten:

"Diese Branche wächst seit Jahren etwa doppelt so schnell als das Brutto-Sozialprodukt. Die deutsche Versicherungswirtschaft ist heute bereits einer der computerintensivsten Wirtschaftszweige. Die Berufsaussichten im Versicherungszweig werden als allgemein sehr gut bezeichnet. Die Versicherungswirtschaft ist eine Wachstumsbranche."

Das bestätigt auch Oberstudiendirektor Jürgen Tonndorf, Leiter der einzigen rein versicherungsspezifischen Berufsschule der Bundesrepublik mit Sitz in Hamburg: "Trotz der Rationalisierungsanstrengungen wird das Personal-Volumen der Versicherungen eher weiter langsam zu- als abnehmen." Ausbildungsleiter Wolfgang Mueller vom Deutschen Ring in Hamburg ergänzt: "Die Mitarbeiterzahl wird nicht im gleichen Umfang wachsen wie das Geschäftsvolumen. Die Beschäftigten in den Geschäftsstellen tendieren eher zum Rückgang, während die Zentralen noch leicht expandieren."

Nachdem die Versicherungswirtschaft bereits vor 25 Jahren ihr eigenes Berufsbildungswerk etabliert hat, können die Mitarbeiter der Branche heute eine dreistufige Auslese- und Karrieretreppe von der Lehrzeit bis ins Mittel-Management benutzen. Die 60 Kontaktstellen des Berufsbildungswerkes, auf die gesamte Bundesrepublik verteilt, organisieren pro Jahr für rund 50 000 Versicherungsmitarbeiter Fort- und Weiterbildungskurse. Daneben unterhalten die großen Firmen ihre eigenen Weiterbildungszentren.

"Etwa ein Drittel aller Versicherungsangestellten haben ihre Ausbildung zum Versicherungskaufmann absolviert"? schätzt Herbert Reincke, stellvertretender Vorsitzender des Versicherungs-Berufsbildungswerkes. In dieser Branche gibt es auch mehr Frauen mit qualifizierten kaufmännischen Tätigkeiten als sonst. Doch Versicherungslehrer Tonndorf schränkt ein: "Auch wenn der Anteil der Mädchen unter den Auszubildenden in Hamburg bei derzeit 52 Prozent liegt und ständig weitersteigt –, das Bild ändert sich sofort, wenn man den Bereich des Mittel-Managements betrachtet. Vom Abteilungsleiter an hört es auf. Aber das liegt nicht nur an den Versicherungen. Vielen Frauen fehlt das Durchsetzungsvermögen, von dem sie mehr brauchen als ein Mann."

Insgesamt zählten die privaten Versicherungen 1973 noch rund 10 200 Auszubildende in ihren Reihen. Entsprechend der allgemeinen Tendenz reduzierte sich diese Zahl für 1974 auf rund 9600. Der Löwenanteil der Versicherungslehrlinge hat mittlere Reife. Oberstudiendirektor Tonndorf rät den Hauptschulabgängern von einer Versicherungslehre ab, soweit sie nicht im oberen Leistungsdrittel ihrer Klasse standen: "Hauptschüler schaffen die Anforderungen der neuen Ausbildungsverordnung kaum."