Von Rainer Frenkel

Das Gerücht war so alt, daß es dann, als es Hand und Fuß bekam, so recht niemand mehr glauben wollte. So betrachtet, muß es als Überraschung gelten: Rudolf Leiding, Chef des größten deutschen Autoherstellers, des Volkswagenwerks, hat die Waffen gestreckt. Nach drei Jahren Krieg, in einer Phase, die ihm unter der Ägide des frisch bestellten Aufsichtsrats-Chefs Hans Birnbaum erstmals hätte Frieden bringen können, trat er ab. Er ließ mitteilen, seine "angegriffene Gesundheit" habe ihn zur Aufgabe bewogen, genauer: ein Gallenleiden.

Die Nachfolge ist bereits geklärt: wie zuverlässig wenn auch nicht offiziell zu erfahren war, wird Rheinstahl-Chef Toni Schmücker schon Mitte Januar nach Wolfsburg überwechseln. Am 10. Januar wird ihn der Aufsichtsrat präsentieren. Die Sache eilt, denn dem verhandlungsbereiten Tarifpartner IG-Metall wollte man, da sich Leiding zum Rücktritt entschlossen hatte, auch gleich den neuen Mann an den Tisch setzen.

Schmücker war so schnell zu bekommen, weil seine Rheinstahl AG unter die Herrschaft von Thyssen geraten ist und der Rheinstahl-Vorstand künftig weisungsgebunden arbeiten muß, Schmücker bei Thyssen aber nicht Chef werden kann.

Sein Name wurde in den vergangenen Tagen schon gehandelt, als sich Leidings Rücktritts-Absichten verdeutlichten. Schließlich war er schon einmal in der Branche tätig, im Vorstand der Kölner Ford-Werke.

Doch Schmücker war nicht der einzige, der an der Spekulations-Börse notiert wurde. Da nannte man Günter Vogelsang, den Ex-Krupp-Chef, der kürzlich den ersten Herstatt-Vergleichsplan ausgearbeitet hatte. Preussag-Chef Günther Saßmannshausen wurde ebenso-ins Spiel gebracht wie der vorvergangene Ford-Chef Hans-Adolf Bartelmeh. Natürlich konnte auch Gerhard Prinz auf dieser Liste nicht fehlen, dem man – wohl nicht zuletzt wegen seines zu Wortspielen ermunternden Namens – schon einmal die Kronprinzenrolle in Wolfsburg zuerkannt hatte. Prinz sitzt seit einem Jahr im Daimler-Vorstand.

Daß Leiding entschlossen war, seinen Vertrag, der bis ins Jahr 1976 hinein lief, nicht voll zu erfüllen, erfuhren die Mitglieder des Aufsichtsrates definitiv, aber ohne genauen Termin, vor etwa fünf Wochen. Der Aufsichtsrat – nicht zuletzt die Bonner Mitglieder – versuchte noch eine Weile, ihn zu halten und versuchten, ihm das Bleiben mit Hilfe von sachlichen und personellen Zugeständnissen schmackhaft zu machen. Doch er war, "physisch und psychisch angeschlagen" (so ein Beobachter), nicht mehr umzustimmen. Er fand sich lediglich bereit, dem VW-Werk noch für einige Zeit als Berater in modellpolitischen Fragen beizustehen.