Von der Schwierigkeit zu helfen

Von Theo Sommer

Weihnachten – das Fest der Liebe? Machen wir uns nichts vor: In diesem Jahr ist es eher ein Fest der Bangigkeit und der Ratlosigkeit. Wenn wir vor den geschmückten Tannenbaum treten, wenn wir uns zu Tisch setzen, um die Weihnachtsgans oder den Puter zu verspeisen, wird ein Stück Zukunftsangst den Lichterglanz verdunkeln. Und ganz werden wir die Unruhe unseres Gewissens nicht bezwingen können: daß wir es uns gut sein lassen, wo es so vielen anderen schlecht geht.

Zu diesen vielen anderen gehören Menschen im eigenen Lande. Nicht nur jene, welche die herkömmliche Herzlosigkeit der Ämter die "Bedürftigen" nennt, die Alten, die Kranken, die Arbeitsunfähigen; nein, auch eine ganz neue Kategorie: solche, die arbeiten wollen, aber in der heutigen Konjunktur keinen Arbeitsplatz finden. Inzwischen, sind das fast eine Million Menschen. Die "Revolution-der–sinkenden Erwartungen", die eine Mehrheit bisher bloß als abstraktes Gedankengemälde begreifen gelernt hat – diese Million und ihre Angehörigen erfahren sie als bittere Wirklichkeit am eigenen Leibe.

Sie nagen nicht am Hungertuch, gewiß. Aber einschränken müssen sie sich, auf viele Annehmlichkeiten verzichten, die das Leben leichter machen, es beim Notwendigsten bewenden lassen. Daß sie nicht ausgesprochen darben müssen, danken sie einem in den letzten Jahren kräftig ausgebauten System sozialer Fürsorge, das nichts der Nächstenliebe überläßt, was in unseren Zeiten nur die Gerechtigkeit des Gemeinwesens zu leisten vermag. Private Caritas ist notwendig und nützlich, doch haftet ihr immer ein Element des Zufälligen, Bruchstückhaften an. Übergreifende Vorsorge und Fürsorge kann wirksam nur die im Staat organisierte Gemeinschaft gewähren. Hierzulande, Gott sei Dank, tut sie es auch.

Unvorstellbares Elend

Schlimmer als der Minderheit unter uns geht es denn auch der Mehrheit der Menschen jenseits der Grenzen unserer Weltwohlstandssphäre. Dort herrscht Not, nicht nur Einschränkung, dort wird gehungert. Die Statistik des Elends übersteigt unser Begriffsvermögen: Eine Milliarde Menschen – ein Viertel der Menschheit! – hat nicht genug zu essen; vierhundert Millionen vegetieren stumpf am Rande des Verhungerns dahin; Hunderte von Millionen sind unterernährt und daher schwach, krank, seuchenanfällig; zwanzig Millionen, so fürchtet Norman Borlang, der Vater der "Grünen Revolution", werden in den nächsten beiden Jahren Hungers sterben.