Von Carola Kaps

Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit ein unruhiges Land, das der wirtschaftlichen Zukunft ängstlich entgegensieht, dem das Vertrauen in seine Regierung fehlt und das nicht länger in der heiteren Gewißheit eines ewigen Wohlstandes lebt", schrieb der britische Manchester Guardian. "Aber ein Besucher, der zu einer kleinen, sinkenden Insel, genannt Großbritannien, zurückkehrt, wird weniger von diesen amerikanischen Ängsten beeindruckt, als durch die Spannkraft dieses Landes, seinen ungeheuren Reichtum, den verschwenderischen Luxus und seine ungeordnete, ungeführte aber unzerstörbare Stärke."

Der deutsche Bundeskanzler, der allerdings kaum das Gefühl hat, auf einer sinkenden Insel beheimatet zu sein, sah die USA mit etwas anderen Augen. Nach seinem zweitägigen Staatsbesuch in Washington trat Bundeskanzler Helmut Schmidt die Heimreise mit der Bemerkung an, er fahre zwar beruhigt, aber doch nicht sehr beruhigt nach Bonn zurück. Für seine Sorge, Amerikas wirtschaftliche Talfahrt werde das angeschlagene Europa und mehr noch die westliche Welt in eine tiefe, auch politisch gefährliche Depression stürzen, hatte er bei seinen amerikanischen Gesprächspartnern nicht das rechte Verständnis gefunden. Obwohl im Kommuniqué beide Regierungen ihrer Sorge über die Entwicklung der Beschäftigung Ausdruck gaben und versicherten, sie wollten eine Verschärfung der Rezession verhindern, konnte dem Kanzler nicht verborgen bleiben, daß die amerikanische Regierung bis heute kein wirtschaftliches Konzept besitzt.

Angesichts einer Inflationsrate von über zwölf Prozent und einer Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent befindet sich US-Präsident Ford in der Lage eines Kapitäns, der nicht weiß, ob er zuerst den Wassereinbruch im Maschinenraum oder das Feuer in der Ruderanlage bekämpfen soll. Eine seit neun Monaten anhaltende wirtschaftliche Stagnationsphase wird begleitet von ungebrochen steigenden zweistelligen Inflationsraten.

Krisensymptome finden sich überall: Die Beschäftigung in der Bauindustrie ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Trotz der hohen Preissteigerungen stieg der Umsatz des Einzelhandels in den ersten elf Monaten im Vergleich zur gleichen Zeit des Vorjahres nur um sieben Prozent. Real bedeutet dies einen Absatzrückgang, was vor allem die Hersteller von Waschmaschinen, TV-Geräten und anderen Haushaltsmaschinen zu spüren bekamen. Selbst der Nahrungsmittelgigant General Foods mußten wegen des schleppenden Absatzes Arbeitskräfte entlassen und einige seiner Werke stillegen.

Seit einigen Wochen verwandelte die seit Monaten anhaltende "Stagflation", die wirtschaftliche Flaute bei anhaltender Inflation, ihr Gesicht. Aus der Flaute droht eine ernste Krise zu werden – die an den US-Börsen bereits durch dramatische Kursstürze vorweggenommen wurde (ZEIT Nr. 51).

Die Ursache der plötzlichen Wende zum (noch) Schlechteren ist die eisige Abfuhr, die die amerikanischen Verbraucher der Autoindustrie erteilten. Die Händler warteten diesmal vergebens auf den traditionellen Ansturm der Käufer bei Erscheinen der neuen Modelle. Sie blieben auf den im Durchschnitt um 500 Dollar teureren Karossen sitzen. Detroit reagierte mit Massenentlassungen, Produktionskürzungen und Betriebsschließungen auf das schlechteste Autojahr seit fünfzehn Jahren. Dadurch wurde die eigene Krankheit auf die zahlreichen Zulieferindustrien übertragen.