Die einen probieren es mit blindem Gestein, aus dem sie Öl pressen wollen. Andere denken an die Kraft grönländischen Gletscherwassers oder an die Temperaturunterschiede im Ozean. Findige Köpfe haben sich aufgemacht, die drohende Energie- und Rohstoffknappheit mit neuen Ideen zu verhindern.

Eine neue Quelle sowohl für Energie als auch Rohstoffe haben Forscher am California Institute of Technologie kurz Caltech genannt, gefunden. Sie wollen die Kraft der Sonne und den Rohstoffreichtum des Meeres durch das Leistungsvermögen einer Pflanze nutzen. Das Gewächs heißt Macrocystis pyrifera, zu deutsch Riesenseetang, und ist – soweit bekannt – die am schnellsten wachsende Pflanze der Erde: Sie wächst pro Tag bis zu 60 Zentimeter und kann 60 Meter lang werden.

3000 ausgewachsene Seetang-Pflanzen verankerten Taucher vergangenen Sommer vor der südkalifornischen Küste in zwölf Meter Wassertiefe an einem Netzwerk aus Kunststofftauen. Das Meer ist unter dieser ersten ozeanischen Energiefarm gut 100 Meter tief, so daß der Tangwald frei im Wasser schwebt.

„Wenn wir diese Pflanzen in ausreichenden Mengen züchten können“, hofft Caltech-Projektleiter und Marinebiologe Wheeler North, „dann könnten sie uns große Mengen petroleumähnlicher Produkte liefern, aus denen Treibstoffe, Nahrungsmittel und Elektrizität gewonnen werden könnten“. Schon jetzt liefert Seetang einige wichtige Produkte für die Industrie: Algensäure wird in den USA als Emulsion in Salatsoßen verwendet, um Öl und Wasser zu mischen, und ist Bestandteil von Zahnpasta, Pillen, Farbe oder Tinte.

Für die großindustrielle Nutzung als Energie-Rohstoff müssen die Caltech-Forscher allerdings weit größere Tangwälder anpflanzen. Schon jetzt planen North und seine Kollegen deshalb ein zwei Quadratkilometer großes Feld, falls die derzeitigen Versuche erfolgreich sein sollten. Projektmanager Howard Wilcox vom – ebenfalls an den Versuchen beteiligten – Naval Undersea Center der US-Marine erwartet für 1985 sogar einen vierhundert Quadratkilometer großen Seetangwald. Zehn Prozent der Tangernte soll dann für Nahrungszwecke, 30 Prozent für Kunstdünger und Kunststoffe und 60 Prozent für die Erzeugung von Erdgas und anderen Treibstoffen verwendet werden.

Darüber hinaus hoffen die Tang-Tester, daß weitere Produkte aus ihren Wasserpflanzen entwickelt und neue Märkte dafür erschlossen werden können. Seetang kann zum Beispiel an Seeigel, Muscheln oder Fische verfüttert werden, und diese Meerestiere wiederum wären proteinreiche Nahrung für Geflügel oder Schweine.

Zur Gewinnung von synthetischem Erdgas (Methan) spannen North und Wilcox Mikroorganismen ein. In Laborversuchen verwandelten die Mikroben bereits Wasserstoff und Kohlenstoff aus dem Seetang in Methan. Das Verfahren funktioniert nach denselben Regeln, nach denen in herkömmlichen Kompostierungswerken Müll in Humus und Synthesegas umgewandelt wird. Sollten die Seetang-Großfarmen einmal Wirklichkeit werden, dann wollen die Caltech-Experten riesige Gärtanks am Rand der schwimmenden Tangwälder verankern: Gaskessel im Ozean. rf