DIE ZEIT

Keine Therapie

Das Interview ist die schlüpfrigste Kunstform des Journalismus. Es wird meist nur halb gelesen und immer nur verkürzt zitiert.

Beamten-Protz

Wenn es nach dem CDU-Mitglied und Vorsitzenden des Deutschen Beamtenbundes Alfred Krause geht, werden die knapp 3,5 Millionen westdeutschen Staatsdiener bei der nächsten Bundestagswahl geschlossen für die Opposition stimmen und sie wieder in die Regierungsmacht hieven – es sei denn, schon die jetzige Bundesregierung pariert und erfüllt den Beamten ungesäumt ihre Forderung auf zehn Prozent Besoldungszuschlag.

Angst vor dem Orkan

Das Jahr 1975 stellt die Bonner Koalition vor zwei Bewährungsproben. Zum einen muß sich erweisen, wie erfolgreich die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung tatsächlich ist und ob die Prophezeiung von Bundeskanzler Helmut Schmidt wirklich eintrifft: "Heute in zwölf Monaten wird es anders und besser aussehen.

Absage an den Judenhaß

Das Papsttum hat in der Geschichte seines Verhältnisses zu den Juden einen langen Weg zurückgelegt. Er reicht von Paul IV., der im Rom der Renaissance Gettomauern errichtete (sie fielen mit anderen demütigenden Bräuchen erst Mitte des letzten Jahrhunderts), bis zu Paul VI.

Thieus letzte Stunde?

Phuoc Binh war die letzte Stadt in der südvietnamesischen Provinz Phuoc Long, die den vietnamesischen Kommunisten in die Hände gefallen ist; die sechste im Lande seit Anfang Dezember und die erste Provinzhauptstadt seit der vorübergehenden Eroberung von Quang Tri im Jahre 1972.

Wie krank ist Breschnjew wirklich?

Diese Hiobspost hatte im neuen Jahr gerade noch gefehlt. Mit riesiger Schlagzeile verkündete Bild: "Breschnjew hat Krebs." Zehn Jahre lang hatte er die Szene im Osten beherrscht.

Zeitspiegel

Seit der Bundestag seine eigene Reform auf der Tagesordnung führt – also seit 1949 –, galten alle Korrekturen und Korrekturversuche dem Ziel, die Rechte der parlamentarischen Minderheiten zu stärken.

Warten auf die nächste Bombe

Der Reverend Jan Paisley war wieder einmal in Hochform. "Mörder bleiben Mörder, ganz egal, was sie anhaben", sagte er, mit dem Sinn des Predigers für griffige Formeln, nach einem Treffen der Loyalisten, wie sich Nordirlands Protestanten nennen, seit sie von der Londoner Zentrale keinerlei Anweisungen mehr entgegennehmen wollen.

Die Zukunft der Freiheit

Die Welt ist im Wandel. Das Überleben der Menschheit wird bedroht durch Übervölkerung, die Verschwendung von Rohstoffen, durch die gewollten Waffen des Atomkrieges und die ungewollten der Umweltverseuchung.

In der Klemme

Sadats Stern droht zu sinken. Nicht genug, daß ihm Moskau mit der schroffen Absage des zuvor lauthals angekündigten Breschnjew-Besuchs eine Abfuhr erteilte und Ägyptens Generalität also weiterhin vergebens auf die dringend verlangten neuen Bomber und Raketen warten muß.

Spitzel auf verbotener Fährte

Vor knapp einem Jahr konnte William E. Colby es noch wagen, seine Organisationan biblischem Vorbild zu messen. "Unser Beruf", so lobte der Chef der Central Intelligente Agency (CIA) mit frommem Augenaufschlag, "hat eine Tradition, die zumindest bis Moses reicht, denn der sandte einen Mann aus jedem Stamm Israel aus, um das Land Kanaan auszukundschaften.

Sonntags nie

Im Kapitalismus, daß weiß man von Radio Eriwan, wird der Mensch vom Menschen ausgebeutet, im Sozialismus ist es umgekehrt. Überall das gleiche also – freilich aus völlig verschiedenen Motiven.

Etwas ist faul im Folketing

Die dänische Politik ist im Begriff, so kompliziert zu werden wie die niederländische. Und von der sagte ein Amsterdamer Politiker zu seinem Kopenhagener Kollegen: Niemand außer den Niederländern könne sie mehr verstehen.

Wolf gang Ebert .: Meine Tendenzwende

In der Neujahrsnacht habe ich den Vorsatz gefaßt, endlich reinen Tisch zu machen. Darum will ich an dieser Stelle gleich mit meinem Geständnis herausrücken: Ich war nicht immer konservativ.

"Wer ist schon lebensmüde?"

In einer steilen Linkskurve zieht er seine "BELL" von siebzig Meter Höhe auf knapp dreißig Fuß über Wasser. BGS-Stabsmeister Rautenberg hält seinen Hubschrauber im Schwebeflug über dem grauen Wasser, die beiden Rotorblätter zerschneiden mit tuckernden, schweren Schlägen den Wind.

Volksfront am Canale Grande?

Was bildlich gesprochen für ganz Italien gilt, ist in Venedig buchstäblich Not: Das Wasser steht den Regierenden und Regierten bis zum Halse.

Militärische Intervention im Nahen Osten?

Kissinger: Eine militärische Aktion wegen der Ölpreise? Das wäre ein sehr gefährlicher Weg. Wir sollten aus Vietnam gelernt haben, daß es leichter ist, in einen Krieg hineinzugeraten, als wieder herauszukommen.

BONNER BÜHNE: Barometer auf Sturm

Gefährlichen Funkenflug im Gebäude der Bonner Koalition hat die kategorische und mit den anderen Parteioberen offenbar nicht abgesprochene Erklärung des FDP-Generalsekretärs Bangemann ausgelöst, für die Liberalen sei in der Mitbestimmung die Urwahl der Arbeitnehmervertreter unverzichtbar.

Die Schwäche der Fedayin

Der Applaus, den der revolvergegürtete PLO-Führer Yassir Arafat in der Generalversammlung der Vereinten Nationen erhielt, und die Bücklinge einiger europäischer Staatsmänner vor ihm mögen den Eindruck erwecken, daß die Prognosen dieses Buches falsch sind.

Noch einmal davongekommen

Vor Monatsfrist brachte es eine Sonderuntersuchung der Bundesanstalt für Arbeit an den Tag: Zum Zeitpunkt der Befragung (Ende September 1974) hatten mehr als 99 Prozent der Absolventen von Haupt-, Real- und Sonderschulen einen Ausbildungsplatz gefunden.

"Ein Wegweiser zum Menschsein"

Albert Schweitzer hat seiner "armen Schreibkrampfhand", über die er ständig klagte, neben unablässiger Tagespflicht mindestens 46 Bücher, Vorträge und kleinere Abhandlungen und vierzigtausend handschriftliche Briefe abgenötigt.

Rettet den Stabreim!

Der Mann heißt Koerber-Kent und leidet unter merkwürdigen Ausscheidungen – er sonden fortwährend Stabreime ab. Sagt, wenn er über Arbeiter spricht, Sätze Wie diese: "Die denken nur ans Geld.

Zeitmosaik

Seit zehn Jahren, in den sechziger Jahren besonders, haben wir nichts anderes getan, als uns zu beklagen. Jetzt ist es Schluß damit.

Filmtips

Ziemlich kühl reagierten die meisten Kritiker letztes Jahr in Cannes auf den ersten Film von Alain Resnais seit 1969. Die Geschichte des mysteriösen Millionenschwindlers Alexandre Stavisky (Jean-Paul Belmondo) wird nicht als dokumentarisches Exposé, sondern als opulentes Porträt einer verlorenen Zeit erzählt.

Schallplattentüten und was ihnen, fehlt: Vorne Lockung, hinten Leere

Barbara singt ein. Chanson, sie scheint ganz aufgelöst, sie stößt die Sätze atemlos hervor und wird dabei von einem Orchester begleitet, das, so hört es sich an, Blut und Wasser schwitzt – wenn man doch aber bloß wüßte, was die Herrschaften, so in Rage bringt! Die Plattentüte aber – purpurn, elegantes sparsames Design – nennt Namen, Titel, die notwendigsten Copyright-Daten und schweigt sich ansonsten aus: nicht ein Liedertext, nicht einmal der dürftige Versuch, Inhalte anzudeuten.

Die neue Schallplatte

Trotz der ziemlich uniformen Arrangements im typischen Memphis-Sound, die der Produzent Willie Mitchell hier verwendet, ist dies wohl das spektakulärste Album einer Soul-Sängerin seit der 1971 erschienenen (und bei uns immer noch nicht veröffentlichten) Debüt-LP "Exposed" von Valerie Simpson.

Immer noch kaum bekannt

Den "Juden im Rahmen des alten Orients" ist der erste Teil gewidmet; das letzte Kapitel des "Vierten Teils" trägt die Überschrift: "Zentrum und Peripherie – Das Judentum seit der Gründung des Staates Israel.

Kritik in Kürze

"Fernsehabsage", Gedichte von Margarete Hannsmann. Ein Gedicht um einen großen Namen oder ein entscheidendes Ereignis, das also um einen Legenden-Kern herumgedichtet ist, muß notwendig zur Ballade werden.

Führer sehen Dich an

Nostalgie ist eine besondere Art, Unzufriedenheit mit der eigenen Zeit auszudrücken. Sie ist so alt wie die Menschheit, denn die Menschen hatten kaum je Grund, mit ihrer Epoche zufrieden zu sein.

Seefahrt als Kunst

Alan Villiers, der in Praxis (als einer der letzten angelsächsischen Segelschiffskapitäne) wie in Thorie (als unbestechlicher Historiker der Segelschiffahrt) Fachweltruhm erlangt hat, urteilte über dieses Buch, es sei auf seinem Gebiet "das beste, das in Großbritannien seit mindestens einem halben Jahrhundert erschienen ist".

Großer Mann – was nun?

Es scheint bei Verlegern ein schweigender Konsens darüber zu bestehen, daß ein Buch mindestens hundert Seiten haben muß. Das aufschlußreiche Interview nun, das Herman Parret 1972 mit dem bekannten amerikanischen Sprachwissenschaftler Noam Chomsky geführt hat, hätte nur rund vierzig Seiten ergeben.

Vielleicht das Heitere

Wie fange ich an? Der Vergleich mit Heine drängt sich auf. Trotz allen Unterschieden. Er ist zunächst aus rein persönlichen Erlebnissen abgeleitet.

Talent zum Linearen

Nach der druckgraphischen Schwemme ist die originale Zeichnung wieder begehrt, so scheint es", schreibt Klaus Jürgen-Fischer im Geleitwort zu der Ausstellung "18 deutsche Zeichner" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

Kunstkalender

Der jugoslawische Maler ist aus der Belgrader Surrealistengruppe Medial hervorgegangen. Er lebt seit vielen Jahren in Paris, ein Repräsentant der phantastischen Kunst auf zahlreichen Ausstellungen zwischen New York und Tokio.

Der Part des Propheten

Zur Ehre Allahs und zum Ruhme seines Propheten läßt Muammar el-Ghaddafi einen Mammutfilm drehen: Mohammed oder die Botschaft Gottes .

Nur ein Fünkchen von Spark

Memento mori": Das ist, 1959 geschrieben, ein bösartiger, witziger, makabrer, schauerlicher, geistvoller, skurriler Roman. "Memento mori": Das,ist, 1975 gesendet, eine redliche, auf Wortwörtlichkeit und wackere Handlungsimitation bedachte Dramatisierung dieses Romans.

Der richtige Entschluß zur falschen Zeit

Die Krise bringt es an den Tag: Überall in der Wirtschaft, im Büro mehr noch als in der Werkhalle, wird die überraschende Entdeckung gemacht, daß mancher Arbeitsplatz eigentlich überflüssig ist.

In den Fußstapfen der Scheiche

Golfspieler Rudolf v. Bennigsen-Foerder, nach Übernahme der Gelsenberg AG durch seine Veba seit Beginn des Jahres Chef des umsatzstärksten deutschen Konzerns, ist um zwei Flaschen schottischen Whiskys der gehobenen Preisklasse reicher.

Unerträglich

Seit Monaten beratschlagen die obersten Finanzbehörden, wie sie hochverdienende Bundesbürger daran hindern können, Vermögen aus ersparten Steuern zu bilden.

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