Die Zukunft unseres Strafrechts steht zur Diskussion. Zwei Arbeiten sind dazu anzuzeigen. Die eine stammt von einem etablierten Juristen, der seine Habilitationsschrift als Taschenbuch vorgelegt hat:

Rolf-Peter Calliess: „Theorie der Strafe im demokratischen und sozialen Rechtsstaat“; Fischer Taschenbuch Nr. 6513, 1974; 237 S., 5,80 DM

Calliess, ein Schüler des in die Politik verschlagenen Professors Werner Maihofer, hat sich viel vorgenommen. Er will eine Strafrechtstheorie für unser Zeitalter entwickeln. Doch im Grunde ist es ein einziger Faden, der in dem Buch bis zur Erschöpfung von Autor und Leser gesponnen wird. Das Strafrecht wird als Teil des gesellschaftlichen Interaktionszusammenhangs gedeutet, seine Aufgabe darin gesehen, die Kommunikationsrollen im sozialen System abzusichern. Funktion der Strafe ist es, im sozialen System einen Lernprozeß zu ermöglichen, der zu einem rechtlich gebilligten Alternativ verhalten führt.

Die Legitimation für ein solches Vorgehen findet Calliess im Demokratieprinzip des Grundgesetzes. Aus ihm leitet er ab, daß der Täter nicht mehr als passiv zu schützendes Objekt, sondern als aktives Subjekt neben anderen in einem dialogischen Strafrecht verstanden werden muß. Die strafrechtlichen Sanktionen stellen pragmatische, in Form von Lern- und Sozialisationsangeboten gekleidete Antworten der Gesellschaft an den Täter dar.

Diese erstaunliche Konzeption wird auf dem Boden des geltenden Rechts oder der Reformentwürfe für das Strafrecht und den Strafvollzug vorgetragen. Nur noch zwei, man möchte beinahe sagen unbedeutende, Änderungen sind in Calliess’ Sicht notwendig, um aus seinem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Einmal soll das „Schuldinterlokut“ eingeführt werden: das heißt, das Strafverfahren soll in zwei Teile gegliedert werden: den Schuldspruch und den Strafaussprach. Dabei sollen.– gerade umgekehrt wie in England – den Schuldspruch Juristen fällen, den Strafausspruch aber ein Team von therapeutischpädagogisch ausgebildeten Richtern.

Zweitens soll die lebenslange Freiheitsstrafe abgeschafft werden, „die einzige Ausnahme eines auf Variabilität, Flexibilität und Lernen angelegten Sanktionensystems“. In beiden Fällen sieht Calliess schon die systemimmanenten Kräfte am Werk, die den Reinigungsprozeß eingeleitet und sicherlich bald zum Abschluß gebracht haben.

Damit sind wir am wunden Punkt des Entwurfs angelangt: dem unerschütterlichen Vertrauen auf die Regulationsfähigkeit des Systems. In ihm regelt sich alles wie von.selbst, und zwar zum besten. So schafft sich Calliess eine heile Welt, indem er die grundlegenden Begriffe des Straf rechts wegzaubert, ohne auch nur die Etiketten auszuwechseln.