Wie fange ich an? Der Vergleich mit Heine drängt sich auf. Trotz allen Unterschieden. Er ist zunächst aus rein persönlichen Erlebnissen abgeleitet. Robert Neumann hat es seinen Freunden ähnlich wie Heinrich Heine schwer gemacht, ihn zu lieben. Es gibt nach Heine keinen anderen deutschen Schriftsteller, der sich so viele Feinde zusammengeschrieben hat wie er. Es gibt freilich auch wenige, deren Wort und Witz so treffsicher verwunden konnten.

So arglos wie arglistig, gern boshaft, niemals böse waren beide, hochintelligent, aber nicht intellektuell; mit großer Mühe schrieben sie scheinbar mühelos, machten sie sich das Schreiben schwer, damit es leicht zu lesen sei.

Beide Emigranten, ohne Kosmopoliten zu sein, hatten beide ein Trotzverhältnis zu ihrer deutschjüdischen Herkunft, waren beide mit nicht-jüdischen Frauen verheiratet, wurden beide von Juden auch Verräter am Judentum genannt.

Beide waren ungeheuer fleißige und gewissenhafte Schreiber, auch deswegen, weil beide nur Schriftsteller waren, wahrhaft freie Schriftsteller ohne irgendein anderes regelmäßiges Einkommen.

Beide Sozialisten mit leichten Webfehlern, keine reinen Sozialisten, wenn man sie näher betrachtet, bestimmt keine Kollektiv-Menschen, aber auf so etwas wie einen individuellen Sozialismus aus.

Beide am Ende einer Epoche von deren Nachahmung sie sich nur durch Parodie freimachen konnten, beide also "zersetzend" am Ende der Romantik, von Eichendorff her gesehen, ein Parodist: Heinrich Heine; am Ende des bürgerlichen Romans, von Thomas Mann oder gar von Fontane her gesehen, ein Parodist: Robert Neumann.

In manchem hatte es Neumann schwerer. Sein Buch der Lieder, seine jungen Gedichte wurden nicht beachtet. So waren es tatsächlich Parodien-Bände ("Mit fremden Federn", 1927; "Unter falscher Flagge", 1931), die ihn berühmt machten. Und von diesem Ruhm hat er sich nie richtig erholt. Zwei schmale Bändchen haben ein Lebenswerk von fünfzehn dicken Bänden begraben, fünfundzwanzig wohl, wenn alles gedruckt würde, was er, zum Teil auch für Zeitungen und Rundfunk, geschrieben hat. Er mußte ja schreiben, er wollte ja leben.

Für sein bedeutendstes Buch halte ich den Roman "An den Wassern von Babylon",; ein jüdisches Epos von überwältigender Eindringlichkeit. Das Buch erschien 1939, im ersten Jahr des Krieges, in England. Und wenn Robert Neumann auch gelernt hatte, in einem Idiom zu schreiben, "das Nicht-Engländer für Englisch hielten" (er sprach Englisch mit einem so deutschen Akzent wie Heine Französisch): Die Leser, für die das Buch bestimmt war, erreichte es erstzwanzig Jahre später; und dann erreichte es sie eben nicht mehr.

Die deutsche Literatur fing 1945, genauer: 1947, ganz von vorn an und versäumte es, diejenigen wieder einzubeziehen, die im Ausland eine Tradition deutschen Schreibens während der dunklen Jahre bewahrt hatten. Die Gruppe 47 mit ihren unbezweifelbaren Verdiensten up die deutsche Nachkriegsliteratur kann sich da von Versäumnissen nicht freisprechen. Und es ist ein Skandal, daß Robert Neumann nie einen der prominenteren deutschen Literaturpreise bekommen hat. Neumanns Art und Stil sind gewiß nicht nach jedermanns Geschmack; so wenig wie es Heines Art und Stil waren. Aber allein, daß er sich als nennenswerter Autor fünfzig Jahre lang behauptet hat, hätte ihn preiswürdig gemacht. Und ein wenig mehr als eine solche "Dauerleistung" wird man ihm wohl zusprechen dürfen, ohne in den Verdacht des de-mortuis-Schwärmens zu geraten. Neumann schrieb seine eigene, unverwechselbare Handschrift, zu der das Überpointierte gehörte, das immer leicht Ironische, das Indiskrete auch, das die eigene Person nicht aussparte. Er ist ein Phänomen, Repräsentant einer literarischen Epoche alexandrinischen Zuschnitts.

Warum sind seit fünfundzwanzig Jahren so viele Literaturpreise verliehen worden an Leute, die oft heute schon keiner mehr kennt – warum nie einer an Robert Neumann? Diese Frage richtet sich an die gleichen Juroren und Kulturdezernenten, die Literaten, Verleger und Kritiker, die sich über alles Maß ereifern können, wenn eine Universität sich weigert, den Namen Heinrich Heines zu dem ihren zu machen. Dem Heine ist das schließlich egal. Wenn wir doch einmal lernen wollten, daß es wichtiger ist, den Lebenden gerecht zu werden, als die Toten zu feiern.

Für Robert Neumann können wir nichts mehr tun. In einem hatte er es leichter als Heinrich Heine. Lange Jahre physischen Leidens blieben ihm erspart. Er starb am Freitag vergangener Woche in München, ohne wirklich krank gewesen zu sein: ein englischer Staatsbürger, der in der Schweiz wohnte, in Österreich geboren, in Deutschland gestorben.

Im Mai wäre er 78 geworden. Ich weiß das, denn er erinnerte immer an seine Geburtstage. Zwar haßte er es, alt zu werden; aber er hatte es gern, wenn über ihn geschrieben wurde. Was da geschrieben würde, hatte er dann nicht immer gern. Unter den vielen Vorwürfen, mit denen, er mich zuweilen überschüttete, war einer der milderen der, ich schriebe immer Nekrologe über ihn.

Als ich darüber nachdachte, was das wohl heißen sollte, ahnte ich nicht, daß ich mich seinetwegen in dieser trübseligsten aller literarisch-journalistischen Gattungen wieder einmal würde üben müssen.

Er war ... wie höre ich auf?

Vieles gäbe es von ihm zu erzählen. Aber das hat er selber alles besser erzählt, und es ist nachzulesen in den beiden Autobiographien "Ein leichtes Leben" (1964) und "Vielleicht das Heitere" (1968). Ich möchte einen der letzten Sätze weitergeben, die ich von ihm gehört habe; vielleicht werden dadurch ein paar jener Leser aufmerksam, um die er so heftig geworben hat. "Was Ihre Generation von meinen Sachen hält", sagte er mir damals, "interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Aber wenn die Jungen meine Bücher wieder entdeckten, das wäre ein Spaß!"

Rudolf Walter Leonhardt