Von Hartwig Beseler

Denkmalschutz – das Wort geht einem glatt über die Lippen, der Begriff scheint so selbstverständlich. Und wenn dann einem verbrauchten Politiker oder alternden Fußballer nachgesagt wird, er gehöre allmählich unter Denkmalschutz gestellt, dann lächeln die Auguren und denken Freundliches.

Es scheint auf den ersten Blick kaum vorstellbar, daß man dem Denkmalschutz anders denn mit ungeteiltem Wohlwollen begegnet. Handelt es sich doch um die staatliche Fürsorge für Dinge, die zu den schönen und scheinbar unangefochtenen des Lebens gehören, die quer durch die ganze Welt geachtet sind. Der Staatsbesucher wird in Schloß Brühl und im Kölner Dom ebenso herumgeführt wie auf der Chinesischen Mauer oder im Tower. Touristen strömen zu Kathedralen und Pyramiden. Staaten und Städte fühlen sich durch ihre Monumente repräsentiert, die Fremdenverkehrsindustrie rückt sie ins rechte Sonnenlicht.

Doch die Pflege schöner Schätze macht auch Kopfzerbrechen: Altersschwäche und Abnutzung, Wind und Wetter, Erschütterung und Verschmutzung durch den Verkehr zehren an der Substanz. Konservatoren und Restauratoren wachen mit Wässerchen und Bandagen über das Wohl ihrer Patienten. Aber sie klagen auch an. Die ihnen zur Verfügung gestellten Mittel müßten verzehnfacht werden, wenn die anfallenden Aufgaben auch nur annähernd erfüllt werden sollen (man verweist vorwurfsvoll auf die Kosten eines Autobahnkilometers oder, militanter, auf Preis und Lebensdauer eines Starfighters). Und schließlich sind da noch die Intimfeinde: der Staat, die Wohnungsbaugesellschaften, die Konzerne, die rüde nach der historischen Substanz greifen.

Was ist Denkmalschutz?

Wir stehen im „Europäischen Denkmalschutzjahr 1975“. Der Europarat hat es beschlossen, hat es ausgerufen unter dem Motto „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Er trägt damit dem in den letzten Jahren deutlich spürbaren Sympathiezuwachs für die Überbleibsel unserer Vergangenheit Rechnung. Während im privaten und kommerziellen Bereich die Nostalgiewelle überschwappt – gewiß zu Unrecht überheblich belächelt, denn auch sie ist Reaktion auf Mangelerscheinungen in einer öder gewordenen Welt –, entzündet sich in der Öffentlichkeit die Diskussion über den unveräußerlichen Wert historischer Bauten und gewachsener städtebaulicher Strukturen. Antiquarischen und künstlerischen Argumenten (die einstmals gewichtigen nationalen fielen in der Bundesrepublik einem Verdrängungsprozeß zum Opfer) gesellen sich nun auf breiter Front gestaltpsychologische, soziologische und politische zu. Berichte und Kommentare der Massenmedien nähren die Vorstellung, die Fürsorge für die Hinterlassenschaft der Geschichte habe nun, getragen von der Zuneigung der Gesellschaft, ihren endgültigen Durchbruch erreicht. Spötter sprechen schon von der Ausrufung des totalen Denkmalschutzes.

Das Bild trügt. Und es wäre geradezu verhängnisvoll, würde das offizielle Jubelprogramm des Jahres 1975 dieser Vorstellung Vorschub leisten. Denn unterrepräsentiert in der öffentlichen Diskussion sind die andern: die Skeptiker, die ästhetisch Unempfindlichen, die phantasieverachtenden Pragmatiker, die auf Zuwachsraten programmierten Ökonomen, die von der Rezession geschockten Kämmerer. Sie sind nicht böse, sie sind oft gebildet, sie sind gelegentlich freundwillige Gesprächspartner. Aber muß denn, so die lauten oder leisen Einwände dieser Widerwilligen, der Konservator die Welt in ein Museum verwandeln, die Stadt wirtschaftlich strangulieren und die Landwirtschaft auf die Epoche der Leibeigenschaft festschreiben? Und nun noch die mit der Mafia der Bürgerinitiativen eingefädelten Expansionsbestrebungen! Kühl wird Konzentration empfohlen: am besten Auswahl jeweils eines Vertreters eines Typs; Objekte, mit denen sich ein Künstlername verbindet, sind anonymen vorzuziehen; ornamentaler Schauwert rangiert vor schwer begreifbarer Proportion; Stilreinheit vor Geschichtsnarben; Romanik vor Gotik; Barock wird geduldet. Die Idee des Freilichtmuseums fasziniert als Ausweg mit Anstand. So die Ratschläge auch aus Parlamenten, Ministerien, Kommunen und Verbänden.