Von Heinz-Günter Kemmer

Die Blitzlichter der Photographen sind erloschen, die Fernsehkameras surren nicht mehr, die Fragen der Journalisten sind beantwortet. Es ist Freitag, der 10. Januar. Nun ist offiziell, was wochenlang gemunkelt worden war: Toni Schmücker ist neuer Vorstandsvorsitzender der Volkswagenwerk AG in Wolfsburg.

Die Matadore ziehen sich zurück. Hans Birnbaum, der bullige Aufsichtsratsvorsitzende, der die ganze Zeit das Heft in der Hand gehabt hatte. Dann Rudolf Leiding, der ausgeschiedene VW-Chef, gefaßt und doch nicht glücklich. Schließlich Toni Schmücker, mittelgroß, das Gesicht getötet von den Fernsehleuchten. Er sieht nicht aus wie einer, den man gerade auf einen der höchsten Throne des deutschen Wirtschaftslebens gehievt hat.

Der frischgekürte Chef des Auto-Konzerns gibt sich gelassen angesichts der großen Aufgabe. Schließlich wird nur in die Pflicht genommen, wer zur Erfüllung dieser Pflicht fähig ist. Deshalb klingt in Schmückers Stimme auch ein wenig Stolz mit. Von einem ganz klein bißchen Selbstgefälligkeit ist auch Toni Schmücker nicht frei – aber er kleidet es in Bescheidenheit.

Warum sollte er auch nicht stolz sein dürfen? Der Arbeiterjunge aus Frechen bei Köln, dessen Vater bei Ford am Fließband stand, ist nun Chef des größten deutschen Automobil-Unternehmens. Gewiß, er verdankt diesen Job der Krise des VW-Konzerns. Wenn bei VW alles gut gelaufen wäre, dann säße Rudolf Leiding noch bei VW in Brasilien, Schmücker in der Chefetage des Essener Rheinstahl-Hauses, und Kurt Lotz, Nachfolger des ersten VW-Chefs Heinrich Nordhoff, wäre in Wolfsburg noch immer Herrscher aller Reußen. Gewiß, wenn er gut genüg ist für die Krise, dann wäre er wohl auch gut genug für einen gesunden Konzern – von zweiter Wahl kann keine Rede sein. Und doch hängt dieser Rudi den Krisenmanagern ein wenig an. Toni Schmücker hat das selbst zu spüren bekommen. Seit er 1968 das Ruder des leckgeschlagenen Rheinstahl-Schiffs in die Hände nahm, hat er das Menschenmögliche erreicht. Aber er hat es nicht geschafft, Rheinstahl zu neuer Blüte zu führen. Dazu hätte er mehr Zeit und vor allem mehr Geld haben müssen. So blieb die Anlehnung an den Thyssen-Konzern als Ausweg – Rheinstahl war arm, aber in Sicherheit.

Schmücker ist bekannt geworden durch seine Jahre bei Rheinstahl, er hat Schlagzeilen gemacht und Profil gewonnen – aber in die erste Garnitur der Spitzenmanager hat ihn auf Anhieb kaum jemand eingereiht. Diese Kategorie blieb – vor Schmückers Zeit – etwa Heinrich Nordhoff vorbehalten, der ein vorgefundenes Auto Weiterbaute und dank langer Lieferfristen glänzende Geschäfte machte; der mühelos erzielte Erfolg glänzt immer.

Ob der Manager von der Ruhr in Wolfsburg Erfolg hat, muß sich noch zeigen. Aber er bringt wesentliche Voraussetzungen dafür mit. Hans Birnbaum zahlte sie auf: Schmücker kennt das Automobilgeschäft von Kindesbeinen an. Er begann mit sechzehn Jahren als Lehrling bei Ford und war zuletzt Vorstandsmitglied. Er hat sich bei Rheinstahl als Krisenmanager bewährt und einen in der Struktur morschen Konzern wieder einigermaßen auf Vordermann gebracht. Er bringt praktische Erfahrungen aus dem Bereich der paritätischen Mitbestimmung mit. Er hat das richtige Alter.