Von Ulrich Schmidt

Man ist mittendrin, noch ehe man richtig da ist. Zumal wenn man mit der Bahn kommt. Der Zug fährt nämlich bis dicht an den ersten dicken runden Stadttorturm heran, und gleich hinter der von U-Bahn-Maulwürfen angeknacksten Stadtmauer, im einstigen Waffenhof, duftet es genauso, wie man es von Nürnberg erwartet: nach Bratwürsten und Lebkuchen.

Einfallsreiche Nürnberg-Amateure haben den Waffenhof zu einer mittelalterlichen Handwerkergasse ausgebaut. Da kann man das ganze Jahr über (ausgenommen zwischen Weihnachten und Ostern) im Vorbeigehen zuschauen, wie sie schmieden, töpfern, Münzen prägen, Zinnzeug gießen, Körbe flechten, Puppen stopfen, wie sie Würste braten und Lebkuchen backen. Wer nachmittags kommt, kann das braune Honigbackwerk ofenwarm mitnehmen.

Wir hingegen kommen vormittags und sind zu hartem Touristentagwerk entschlossen. Denn diese 515 000 Einwohner große Berühmtheit, du lieber heiliger Sebaldus, wann werden wir uns hindurchgearbeitet haben durch den Wald von Blechschildern: Christkindlesmarkt, erste deutsche Eisenbahn, die Schusterstube von Hans Sachs, die Meistersinger von Richard Wagner, des Deutschen Reiches Schatzkästlein, die Nürnberger Gesetze und die Nürnberger Prozesse, der Nürnberger Trichter und das Nürnberger Ei, die Stadt der Reichstage und der Reichsparteitage, der Spielwarenmesse, Albrecht Dürers, der Butzenscheiben und halt immer wieder der Bratwürste und der Lebkuchen.