In Seefeld: Ski wandern „auf den Spuren der Olympioniken“

Von Karl Morgenstern

So schnell vergeht die Zeit: Im olympischen Winter 1964 gab’s in Seefeld noch kein Sportgeschäft, wo die Enthusiasten der Loipen Langlaufski erstellen konnten. Die Buben des Ortes hielten es selbstverständlich für weit unter ihrer Würde, sich zu diesem abwegigen Sport zu bekennen. Und gestandene Seefelder wußten gar nicht, was dergleichen war. Elf Jahre sind ins Land gegangen. Im „Olympia-Dorf“, 1200 m hoch zwischen Inntal und Wettersteingebirge in einem der schönsten und vor allem schneesichersten Tiroler Winkel plaziert, hat man längst sein Herz für die nordischen Disziplinen entdeckt – und fährt hervorragend dabei. Und der dynamische Fremdenverkehrsdirektor Walter Frenes erinnert sich mit Schmunzeln der Mitte der sechziger Jahre, als er mit einer Handvoll Langläufer – die wenigsten waren Einheimische – buchstäblich von Sportgeschäft zu Sportgeschäft gepilgert ist, damit die dickschädeligen Tiroler wenigstens ein Paar der schmalen, leichten Holzlatten ausstellten. Und ein Paar passende Schuhe dazu. Darüber haben die Buben am Ort am meisten gelächelt. Heute lächeln Frenes und seine Getreuen: Im olympischen Nobeldorf klingelt das Geld in den Kassen.

Kein kurioser Gag

Denn wie kein anderes Dorf im Alpenland hat es dieser Flecken verstanden, binnen weniger Jahre aus dem Skilanglauf – auf dem Seefelder Hochplateau spricht man mit unüberhörbarem urlauberfreundlichen Understatement vom Skiwandern – einen Kult und dazu ein gutes Geschäft zu machen. 1965 wurde hierzulande die erste Skiwanderschule im Alpenraum gegründet. Heute ist selbst bei schlechtem Wetter das hervorragend präparierte Loipennetz mindestens 40 Kilometer lang; bei guten Schneeverhältnissen sind sogar 80 Kilometer für Skiwanderer präpariert. Noch 1964 hielten die meisten Urlauber, die just während der Olympischen Spiele Seefeld gebucht hatten, die Langlaufkonkurrenzen für einen kuriosen touristischen Gag. „Hunderte von Urlaubern vergnügten sich beim Eisschießen und lachten über ‚so ein paar Verrückte‘, die buchstäblich nebenan und fast in Sichtweite ‚durch die Wälder marschierten, um dann wie tot umzufallen‘,“ erinnert sich Walter Frenes. Zuschauer waren vorhanden, doch kaum Seefelder. Und noch weniger die Stammurlauber. Es gibt viele Männer, diesich große Verdienste um den Skilanglauf in Seefeld und den umliegenden Flecken erworben haben. Der Norweger Kristen Kvello gehört zu ihnen; er legte 1965 die ersten Loipen an und half der kleinen Schar Unentwegter mit vielen wertvollen Ratschlägen. Heutzutage sind von fünf Paar Ski, die in Seefeld ausgeliehen werden, vier Langlaufbretter aus Kunststoff oder Holz. Und seit die Kunststoffski mit den Schuppen den Markt erobern, ist das Interesse noch größer: Die Urlauber, die sich vom Skiwandern begeistern lassen, scheuen verständlicherweise die Mühsal des umständlichen und meist falschen Wachsens. Und die Skigeschäfte halten auch immer weniger davon. Was soll’s, die Schuppenski gefallen auch verwöhnteren und besseren Läufern. Die extremen Langlaufhölzer bleiben der Hautevolee dieses Sports – und den Wachsstrategen.

Den Seefeldern kommt’s heute selbst unvorstellbar vor, daß es einst bei ihnen keinen Skilanglauf gegeben hat. Heute wird das „Skiwandern auf den Spuren der Olympioniken“ öffentlich propagiert. Tatsächlich kreuzen sich die meisten Skiwanderwege mit den offiziellen olympischen Loipen, die schon heute – ein Jahr vor Olympia – weitgehend abgemessen sind. Oft sind sie, wie beispielsweise die 5-km-Strecke der Damen oder die schwerere 15-km-Spur der Nordisch-Kombinierten, sogar mit ihnen identisch. Lediglich die langen 30 und 50 Kilometer der Männer sind noch nicht exakt vermessen; im Groben sind auch diese Loipen schon vorhanden. Rennleiter Professor Rösner und Willi Köstinger, der 34jährige Streckenchef für die Nordischen Disziplinen, haben alle Loipen schon mehrfach bewältigt. Eine imponierende physische Leistung.

Doch Willi Köstinger, der 1964 noch Dorfgasteiner war, seinerzeit in Seefeld respektablen zehnten Platz in der Nordischen Kombination belegt hat – zwei Jahre zuvor bei den Weltmeisterschaften in Zakopane war er sogar Sechster – ist ein Mann vom Fach. Ein echter Seefelder aber ist der ehemalige Olympiakämpfer nicht. Wie sollte er auch, als passionierter Langläufer der frühen sechziger Jahre.