DIE ZEIT

Wenn Genscher eine Grube gräbt...

Ostpolitik – das war über Jahre hinweg vor allem ein Kampf der Realpolitiker wider die Anhänger versteinerter, in der Praxis unanwendbar gewordener Rechtstheorien.

Ins Biedermeier

Hinein in die Postkutsche und zurück ins Biedermeier – so läßt sich der von einer Wählergemeinschaft im einstigen Großherzogtum Oldenburg und im ehemaligen Fürstentum Schaumburg-Lippe ausgesprochene Wunsch nach Rückkehr zur Eigenstaatlichkeit wohl am ehesten umschreiben.

Signal aus Bonn

Den Wortführern schwankt der Boden unter den Füßen, aber noch stehen sie. Alfred Krause vom Deutschen Beamtenbund schwächt seine Forderungen nach einer Einkommensverbesserung zwar vorsichtig ab; aufgeben aber will er sie „zu dieser Stunde“ noch nicht.

Entgelt

Unter die Wiedergutmachung soll jetzt ein Schlußstrich gezogen werden. Zwar werden wohl bis zum Jahr 2000 noch ungefähr 35 Milliarden Mark an Renten für jüdische Opfer der NS-Gewaltherrschaft gezahlt, womit sich die Gesamtsumme der seit 1952 geleisteten Entschädigung auf 85 Milliarden erhöhen wird.

Renommee durch Reisen

Wem es versagt ist, in Bonn zu regieren, kann sein Renommee durch Reisen aufbessern. Doch es will gelernt sein. Ein simpler Amerika-Trip tut’s schon lange nicht mehr.

Worte der Woche

„Wenn die CDU-Herren nicht müde werden, uns zu bedauern, weil wir uns in der babylonischen Gefangenschaft der SPD befänden–in einer Gefangenschaft der CDU müßten wir zur Zeit jedenfalls damit rechnen, auf der Flucht erschossen zu werden.

Zeitspiegel

In Bonn heißt es, daß der Text des Referentenentwurfs zur Berufsbildungsreform den Wirtschaftsverbänden noch gar nicht bekannt gewesen sei, als sie bei Bundeskanzler Schmidt gegen die Reformpläne massiven Protest einlegten.

„Raus mit diesem asozialen Gesindel“

Türken überwiesen im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Devisen in ihr armseliges kleinasiatisches Armenhaus ... Insgesamt waren es um acht Milliarden Mark, die von Fremdarbeitern 1973 aus Deutschland verschleppt wurden.

Ein Mann wie ein Baum

Das Machtgefälle innerhalb der Europäischen Gemeinschaft wird oft beklagt. Die kleinen Mitgliedstaaten fühlen sich nicht selten von den großen an die Wand gedrückt.

Mao ist 81, aber immer noch hat er in China das letzte Wort. Viele Fraktionen berufen sich auf ihn: Peking stellt die Uhr zurück

Es ist schon eine gespenstische Aufführung: Unbemerkt von einem wieselwachen Heer internationaler Korrespondenten, unbemerkt auch vom eigenen Volke, versammeln sich mitten in Peking fast 3000 Parlamentsabgeordnete fünf Tage lang zu einer geheimen Sitzung, verabschieden eine neue Verfassung für das Reich der Mitte, ernennen eine neue Regierung und beschließen über Entscheidungen, die bis zum Jahre 2000 nicht nur das Antlitz Chinas verändern, sondern auch die Weltpolitik in eine andere Richtung dirigieren könnten.

Wer bezahlt was?

Ob es zu einer Art innerdeutschem Frühling kommt, wird man erst wissen, wenn auch nach dem Kalender Frühling herrscht. Zwar liegt das Vorschlagspaket der DDR, geschnürt durch den Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Schmidt und SED-Chef Honecker im vergangenen Herbst, seit Anfang Dezember auf dem Tisch.

Berlin rückt näher

Die bevorstehenden Verhandlungen über das Paket von Verkehrsinvestitionen und Verkehrserleichterungen werden im Rathaus Schöneberg als außerordentlich wichtig für die weitere Entwicklung West-Berlins angesehen.

Über Bord

In jedem anderen sozialistischen Land hätte es kurzen Prozeß gegeben. In Jugoslawien aber endete erst nach jahrelanger Auseinandersetzung ein klassischer Konflikt zwischen marxistischer Kritik und kommunistischer Macht.

Unvermeidlich

Die Freien Demokraten in Nordrhein-Westfalen haben das Unvermeidliche am Ende schnell und entschlossen erledigt: Der Landesparteitag beschloß die Fortsetzung der Koalition mit der SPD.

Steine auf dem Weg nach Genf

Dem Durchbruch bei den Rüstungsverhandjungen zwischen den beiden Weltmächten in Wladiwostok im November folgte der Zusammenbruch ihrer Handelsvertragspolitik im Januar.

Wolfgang Ebert: Dichter und Bayer

Als der CSU-Vorsitzende Strauß im Gästehaus 23 eintraf, wo nur hochgeschätzte Besucher, also keine wie Helmut Kohl, untergebracht werden, wurde er gefragt, ob er einen besonderen Wunsch habe.

Frischer Wind in Washington

Das auffallendste an der Stimmung in Washington ist ein Anflug von Optimismus. Er steht in krassem Gegensatz zum beispiellosen Eingeständnis Präsident Fords vor dem Kongreß, die Lage der Nation sei nicht gut.

Sturm im Mainzer Wasserglas

Die Stadt heißt Frankfurt am Main; aber man merkt es nicht, daß Frankfurt am Main liegt. Die Stadt führt ihr eigenes Leben, der Fluß spielt dabei keine Rolle, er wird nicht zur Kenntnis genommen.

Linke und Doofe

Die Presse wurde ins Rathaus gebeten, als die Lichter angingen. Den 59 Abgeordneten der SPD-Fraktion kam die Nachricht am späten Abend durch Eilboten in die Wohnungen.

Versauerter Ruländer

Ein Eberle ist nichts anderes als ein kleines Schwein.“ Für die Demonstranten aus den badischen Weinorten am Kaiserstuhl, welche diesen Slogan bei einem Aufmarsch vor dem Stuttgarter Landtag prägten, ist der baden-württembergische Wirtschaftsminister Rudolf Eberle (CDU) doch noch etwas anderes.

Ein Polizist sah rot

In der bayerischen Landeshauptstadt wird zu schnell geschossen – Ruf nach der harten Hand

Als Berlin brannte

Die Mehrzahl aller heute lebenden Deutschen hat das Dritte Reich nicht selber erlebt, und mit jedem Tage wächst die Zahl derer, die sich nur noch aus Berichten und Dokumentation ein Bild davon machen können, was damals geschah.

Im Namen Adolf Hitlers

Der 1934 provisorisch, 1936 als Dauerorgan ins Leben gerufene Volksgerichtshof wird mit Recht als gewisses Spiegelbild damaliger staatlicher Entwicklung verstanden.

Aschenbrödel in Straßburg

Wer erreichen will, daß eine politische Aussage geheim bleibt“, so heißt ein europäisches Scherzwort, „der braucht sie nur vor dem Europäischen Parlament von ich zu geben.

Künstlicher Winter

Unten am Zielhang öffnete ein massiger, hochgewachsener Mann eine Sektflasche, daß das Schaumgetränk hochauf spritzte und seinen braunen Pelz benetzte.

Schwarzer Revoluzzer?

6. September 1972 – 400-Meter-Finale der Männer. Auf dem Siegerpodest im München Oympiastadion steht der dunkelhäutige Amerikaner Vincent Matthews.

Daten für die Opposition

Im September 1973 hatte die CDU/CSU im Ausschuß für Forschung und Technologie beantragt, den Forschungsminister aufzufordern, den Ausschußmitgliedern Zutritt zur Datenbank des Ministeriums zu gewähren.

Nachgewitter – Nörgeleien

Nachgewitter bestimmen die Atmosphäre in der Freien Demokratischen Partei. Fein, also nicht persönlich, aber sehr hart wurde Generalsekretär Martin Bangemann im Präsidium und in der Fraktion der Liberalen letzte Woche angepackt.

DOKUMENT ZUR ZEIT: Honig und Mord

Strauß, ein unverhüllter Reaktionär, hat in Peking eine herzliche Begrüßung erfahren. Die Pekinger haben keine Zeit verloren und ihn sogleich mitgeteilt, daß selbst in China Menschen den Bayernkurier abonniert haben, der unter seiner Leitung in München erscheint.

Wie liberal wollen wir sein?

Größere „Fälle“ haben es hierzulande an sich, aus dünnen Anlässen hervorzugehen. Das heißt, die „Fälle“ gibt es, latent, immer schon; irgendein Anlaß macht sie dann manifest.

Wie feige wird man werden?

In dem Fernsehinterview der Kultursendung des Hessischen Rundfunks haben Sie von einem Brief gesprochen, den Sie dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Genscher, geschrieben und in dem Sie erklärt haben, daß Sie wegen der „Staeck-Affäre im Moment nicht bereit“ seien, „deutsche Kultur im Ausland zu repräsentieren“.

Berufungsskandal

Törichtes geschah in Bonn, und man kann nur hoffen, daß es noch reparierbar ist. Die Bonner Germanistik verdankt nach dem Tode von Günther Müller ihren Ruf vor allem einem Schweizer: Beda Allemann.

Darf man das?

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Die Realität ist die Satire

KLAUS STAECK: Im Verlaufe der öffentlichen Diskussion ist die Mißbilligung der Förderung meiner Teilnahme durch den Außenminister zwar modifiziert, aber nicht zurückgenommen worden.

Zeitmosaik

Es tut ein bißchen weh. Abschied tut immer weh. Das geht jedem Trainer so. Es klingt so dramatisch, aber man schneidet sich natürlich ein Stück Herz ab.

Barlach - ohne kultischen Ballast

Bert Brecht schreibt im Jahr 1952: „Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben“ (Notizen zur Barlach-Ausstellung).

Filmtips

„Sugarland Express“ von Steven Spielberg. Noch eine amerikanische Odyssee, noch ein Film über verlorene Unschuld, Autos und Gewalt.

Brücken aus Papier

Nun ist alles beisammen: ein paar engagierte Wissenschaftler, denen es noch ernst ist, die europäischen Staaten einander näher zubringen; das notwendige Geld für sie und ihre Tätigkeit, wenn auch zunächst nur für drei Jahre; einige ansehnliche Arbeitsräume in der Rue de la Concorde in Brüssel.

Kunstkalender

1969 mußte Caniaris seine griechische Heimat verlassen und ging nach Paris. 1973 kam er als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin, wo er auch nach Ablauf des Gastjahres geblieben ist.

Die neue Schallplatte

Arnold Schönberg: „Moses und Aaron“. Zweiundzwanzig Jahre wartete Schönbergs Oper auf ihre konzertante, drei Jahre mehr auf ihre szenische Uraufführung.

Der schreibende Weltmensch

Rudolf Jakob Humm wurde am 13. Januar 1895 in der oberitalienischen Stadt Modena geboren; in Göttingen studierte er Mathematik und theoretische Physik; in Zürich ließ er sich schließlich nieder; seine Wohnung im „Haus zum Raben“ am Limmatquai, das abgerissen werden soll, war jahrzehntelang Treffpunkt von Künstlern, Schriftstellern, Naturwissenschaftlern, von Einheimischen und Emigranten, unter ihnen Thomas Mann, Hesse, Brecht, Joyce, Arp, Le Corbusier.

Kritik in Kürze

„Harlekin“, Roman von Morris L. West. „Politik und Geld“, das weiß der Herr vom amerikanischen Geheimdienst, „ergeben eine explosive Mischung.

Museum eines Mäzens

Gustav Schiefler, von Beruf Jurist, hat Überlegungen zur Reform des Straf- und Zivilprozesses veröffentlicht, sein eigentliches Interesse galt jedoch nicht juristischen Problemen.

Der grausame Gott

Im Mittelalter waren die Menschen von Todesvorstellungen geradezu besessen. Der Tod war das Tor zum Weiterleben im Jenseits; das Leben selbst erschien unwichtig, abgewertet.

Diplomaten sind anders

Von der Verpackung hängt es ab, ob du eine Ware verkaufst oder nicht: Diesen Wahlspruch der Privatindustrie haben sich die Körperschaften des öffentlichen Rechts seit langem zu eigen gemacht.

Im Totenhaus Europa

Wer bislang glauben mochte, Peter Bogdanovich sei allenfalls ein geschickter Imitator oder gar Leichenfledderer des alten Hollywood, kann sich jetzt davon überzeugen, daß die kühle analytische Intelligenz dieses verdächtig erfolgreichen Regisseurs auch jenseits der Bindung an Konventionen und Traditionen des amerikanischen Kinos funktioniert.

Oper: Giselher Klebes „Wahrer Held“ in Zürich uraufgeführt: Lügengeschichte für Sänger

Der Komponist Giselher Klebe ist der Oper und dabei sich selber treu geblieben. Längst sind die Uraufführungsmoden der sechziger Jahre verblichen, da präsentiert der knapp Fünfzigjährige eine Literaturoper – seine achte mittlerweile, Titel: „Ein wahrer Held“; und schon für das kommende Jahr steht nach diesem Opus 69 ein Werk nach Schillers „Jungfrau von Orleans“ ins Stuttgarter Opernhaus.

Kein Fehlstart

Der erste Auftritt war rührend: Da versuchte sich der Journalist Rosenbauer als salopper Entertainer, haspelte ein paar Pointen herunter und entschuldigte sich dafür zugleich durch die Art, wie er es tat.

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