Der Komponist Giselher Klebe ist der Oper und dabei sich selber treu geblieben. Längst sind die Uraufführungsmoden der sechziger Jahre verblichen, da präsentiert der knapp Fünfzigjährige eine Literaturoper – seine achte mittlerweile, Titel: „Ein wahrer Held“; und schon für das kommende Jahr steht nach diesem Opus 69 ein Werk nach Schillers „Jungfrau von Orleans“ ins Stuttgarter Opernhaus. Treu geblieben ist sich der Musikdramatiker bis ins Detail. Wieder stammt die Libretto-Einrichtung des Stückes von ihm selber, und das heißt: Klebe hat die irische Nationalkomödie „The Playboy of the Western World“, eine monsterhafte, zugleich groteske und lyrische, großsprecherische und kleinlaute Erzählung eines jungen irischen Lügenbarons über einen eingebildeten Vatermord einfach für die Oper zurechtgestutzt. Er hat Weitschweifiges gerafft, Dialogteile übereinandergelegt und dann dicht an den Szenen entlang komponiert, so dicht freilich, daß die Musik ihren Theaterstoff aufbereitet zu einem Opernbrei, der bei Klebe selbstverständlich kunstfertig angerührt ist.

Eigentlich hat sich Klebe immer für gebrochene Formen und Figuren engagiert, hat etwa in Horváths „Figaro läßt sich scheiden“ und Werfels „Jakobowski und der Oberst“ die menschliche Tragödie in der Farce oder Komödie aufgedeckt. Aus Idealen wurden da jeweils armselige Menschen. Auch Synges Christopher Mahon ist solch ein falscher Held, wenn er mit seiner Erzählung vom Vatermord seine Art von Freiheitsgedankei in die vom Patriarchat gedrückte irische Gesellschaft bringt und dann, erniedrigt und gedemütigt von seinem nur angeschlagenen Vater und seinen enttäuschten Verehrern, doch noch vom Mündel zum Vormund, zum Mann wird.

An alte Erfolge kann Klebe schon deshalb nicht anknüpfen, weil diese Partitur seine frühere Originalität vergröbert und abschwächt; von raffinierten und ironischen Zitaten bleibt zum Beispiel nur noch der schrille Rest eines Gassenhauers stehen, der in eine Art Jazzrhythmus gebracht wird. Aus der kühnen Verätzung traditioneller Harmonien in einer flexiblen Zwölf-Ton-Komposition wurde jetzt eine weitgehend unverbindliche Illustrationskulisse auf der Basis einer totalen Chromatik. In schwierigen rhythmischen Verhältnissen begegnen sich da innige Streicher-Deklamationen fürs Gefühl, lautes Schlagwerk für harten Realismus und, wenn falsche Utopien beschworen werden, ein Harfenglissando. So wird das Stück recht einschlägig bebildert, und in dem durchkomponierten, musikalischen Strom treiben auch Reste fester Nummern und Ensembles, Duette, Tanzformen.

Leider stimmt das Programmheftversprechen: „Dies ist eine Oper für Sänger, keine symphonischen Ambitionen belasten Form und Musik.“ Und die Sänger können, versehen mit instrumentalen Motiven (dem Heldenvater Mahon etwa werden dicke Klangballungen unterstellt), auf Klebes expressive Stimmführung bauen. Am Ende bekräftigt diese Veroperung gerade die Meinung, daß unser Theater mit den phantastischen Sprachbildern des irischen Dramas nichts anzufangen weiß; denn Klebe macht aus gespaltenen Kreaturen mit wüsten und großen Gedanken richtige resolute Opernhelden.

Der Regisseur Imo Moszkowicz hat diese Richtung noch konsequent weiter verfolgt und läßt in einer eher anheimelnden Kneipe (Bühnenbild von Max Röthlisberger) heftig chargieren. Da steht die Witwe Quin als Kupplerweib immer herausfordernd an der Rampe, da torkeln besoffene Leute fast operettenhaft nach dem Motto „Die Iren sind da“. Der Lügenheld und sein Widersacher vom Dorf sind mit deutlich infantilen Zügen gezeichnet. So ist ein ganzer kleiner Kosmos von irischem Realismus und irischer Poesie zu einer zweistündigen Gebrauchsoper geschrumpft. Jens Wendland