Ein Mann aus Nürnberg verzichtete in diesem Jahr auf Karten für die Fußballweltmeisterschaft und übernahm statt dessen eine Patenschaft. Patenschaften übernahmen ebenso der Betriebsrat der Mannesmann-Röhrenwerke in Huckingen und eine Textilfirma aus Echterdingen, die ihren „sehr geehrten Geschäftsfreunden“ im vergangenen Jahr statt eines Weihnachtsgeschenks die Photos von drei brasilianischen Kindern schickte, für die sie den Unterhalt übernommen hat. Den Patenschaftsrekord hält ein Kaufmann aus Wuppertal-Cronenburg. Der Junggeselle überweist monatlich das Geld für 38 Kinder in aller Welt.

Spenden für die „Kindernothilfe“ kommen aus der ganzen Bundesrepublik: 299,50 Mark von sieben Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren aus Duisburg, die Steine bemalt und Emaillearbeiten gefertigt und auf einem Bazar verkauft hatten. 18 000 Mark sammelte eine Gemeinde aus Hamburg. 12 000 Mark brachten die Schüler und Schülerinnen einer Schule aus Lübeck zusammen. 1000 Mark schickte ein Pfarrer aus Würzburg anläßlich der Geburt seines dritten Kindes. Der Christliche Verein Junger Männer aus Idstein verkaufte Apfelsinen, Stück eine Mark. Der Reingewinn kommt dem Vereinspaten Zechariah Dandu zugute. Und gerade beschloß auch die Friedensschule in Neustadt, die Patenschaft über ein Kind aus der Dritten Welt zu übernehmen.

Das Wirken der „Kindernothilfe“ gleicht dem Wasser, das in ein Faß ohne Boden geschüttet wird. „In Indien“, bemerkt Pfarrer Schmidt, „hatten wir zunächst nur 10 000 Kinder betreuen wollen. Jetzt sind es schon 17 000. Nach Abschluß unserer Verhandlungen mit der Nordindischen Kirche richten wir ein Zweigbüro in Neu-Delhi ein, damit wir bessere Strukturen für unsere Arbeit schaffen können.“

Der Verein betreut in Indien bereits vier Heime für poliogeschädigte, zwei für geistig behinderte, fünf für taube und sechs für blinde Kinder. Durch die Hungerkatastrophe auf dem Subkontinent sind die Reis- und Fleischpreise innerhalb der letzten zwölf Monate um 100 Prozent gestiegen. „Die Heime stecken dadurch in einer Krise“, sagt Schmidt. Trotzdem will er in Bangla Desh versuchsweise eine Schulspeisung für zunächst 300 Kinder finanzieren: „Sie werden erstmals eine warme Mahlzeit am Tag bekommen.“

Derzeit sucht der Gemeindepfarrer wieder 4500 Pateneltern für Kinder aus Nord- und Südindien, Pakistan, Nepal, Bangla Desh, Korea, Hongkong, Vietnam, Malaysia, Indonesien, dem Libanon, aus Brasilien, Chile, Argentinien, Paraguay, Bolivien, Haiti, Äthiopien, Ostafrika und Südwestafrika. Von Indien aus war „Kindernothilfe“-Geschäftsführer Lüder Lüers nach Äthiopien gereist.

„Die Situation ist dort noch etwas unübersichtlich“, sagte er nach seiner Rückkehr. In der neuen Regierung in Addis Abeba hatte er einen alten Bekannten gefunden: Erziehungsminister Dr. Haile Gabriel Dagne gehörte lange Zeit dem Vorstand des Kinderheims Debra Tabor in der Begemder-Provinz an, das von der „Kindernothilfe“ betreut wird. In Debra Zeit, einem Vorort der Hauptstadt, konnte Ende September die erste Tagesstätte für 50 Kinder eingerichtet werden. Lüder Lüers schildert seine Eindrücke: „Ich hatte nie zuvor in Äthiopien spielende Kinder gesehen – bis ich jetzt nach Debra Zeit kam.“

Im Laufe des nächsten Jahres sollen in den Slums von Addis Abeba weitere elf Kindertagesstätten gebaut werden, jede für 60 bis 90 Kinder. „Kindernothilfe“-Geschäftsführer Lüers: „Wir bauen nicht für die Ewigkeit. Die Heime sollen mobil sein: Mauern aus Lehm und Mörtel, fast ohne Zement. Jedes Heim wird nicht mehr als 20 000 Mark kosten. Dabei haben wir den Vorteil, daß wir mit den Slums wandern können.“ Der politischen Entwicklung in Äthiopien sieht er gelassen entgegen: „Die regierenden Militärs reagieren positiv auf diese Maßnahmen, die der Bevölkerung dienen.“

Politische Schwierigkeiten hat die „Kindernothilfe“ – so merkwürdig das auch klingen mag – noch in keinem der 23 Länder gehabt, in denen sie wirkt. Darüber wundert sich selbst der im Glauben an das Gute gefestigte Pfarrer Schmidt: „Wir ziehen doch eigentlich Revolutionäre groß“, sagt er. „In unseren Heimen lernen Kinder das Lesen und Schreiben.“ R. D.