Von Julius H. Schoeps

Der Zionismus und Israel werden häufig alskolonialistische Unternehmungen angeprangert. Immer wieder ist heute die Gleichung zu hören: Zionismus ist Imperialismus ist gleich Faschismus. Die Angriffe gegen die „verbrecherischen Zionisten“, gegen den „nazistischen jüdischen Staat“, gegen die „Faschisten in Israel“ und gegen die „Agenten des Imperialismus“ sind inzwischen bekannte Stereotypen in der öffentlichen Diskussion geworden.

Noch halten sich zwar die vulgärmarxistischen Interpretationen und die proisraelischen Abwehrargumentationen in der Imperialismusdebatte um den Zionismus die Waage. Die Gefahr besteht aber durchaus, daß die Grenzen eines durchaus legitim zu begründenden Antizionismus sich zugunsten eines ideologisch ausgerichteten Antisemitismus verschieben können. Es ist deshalb notwendig, die unter dem Schlagwort Anti-Zionismus aufgetretenen Mißverständnisse zu klären. Einen Beitrag leistet hierzu vorliegende Textsammlung:

Iring Fetscher (Hrsg.): „Marxisten gegen Antisemitismus“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1974; 236 Seiten, 15,– DM

Mit den in diesem Band zusammengetragenen Texten, Essays, Briefen und Reden von Engels, Bebel, Kautsky, Rosa Luxemburg, Medem, Maxim Gorki, Lenin, Trotzki und Abraham Leon wird ein Querschnitt einer fast genau hundert Jahre währenden theoretischen und praktischen Auseinandersetzung in der Geschichte des Marxismus um die „Judenfrage“ vorgelegt. Grundgedanke fast aller Beiträge ist, daß in einer sozialistischen Weltgesellschaft das Problem des Antisemitismus wie das der jüdischen Nationalität gelöst sein würde. In fast allen Beiträgen kommt zum Ausdruck, daß eine solche Lösung der „Judenfrage“ als objektiv fortschrittlich und im Interesse aller Beteiligten liegend angesehen wird. Die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft erscheint als ein unrealisierbares, reaktionäres und schädliches Ziel. Niemand formulierte das besser als Karl Kautsky, der sagte: „Wir sind nicht völlig aus dem Mittelalter heraus, solange das Judentum noch unter uns existiert. Je eher es verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und die Juden selbst.“

Es ist nicht ganz verständlich, warum Fetscher dieser Textsammlung den Titel ‚ Marxisten gegen Antisemitismus“ gegeben hat. Richtiger würde sicherlich der Titel „Marxisten zur Judenfrage“ sein. Zu behaupten, wie das Fetscher in seinem Vorwort tut, der Marxismus habe sich seit Beginn seiner Entwicklung stets kritisch mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt und nie einen Zweifel an dessen reaktionärem Charakter gelassen, entspricht nicht den Kenntnissen, die wir über das Verhältnis Marxismus und Antisemitismus besitzen.

Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Marxismus je nach den politischen oder sozialen Umständen sich dem Antisemitismus ebensogut nähern und mit ihm liebäugeln wie ihn ablehnen und bekämpfen kann. Selbst wenn man davon ausgeht, daß der Antisemitismus kein grundsätzliches Element der marxistischen Theorie ist, beweist doch das Studium der Schriften und Reden führender Marxisten des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts antisemitische Tendenzen, die vergleichsweise nicht unähnlich den Motiven und Wurzeln des bürgerlichen Antisemitismus sind. So unbegreiflich dieses Phänomen auch sein mag, so erklärlich und verständlich ist es, wenn man berücksichtigt, daß sich auch die Marxisten nicht dem herrschenden Zeitgeist entziehen konnten, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts vom Aufkommen bürgerlich-nationalistischer Bewegungen bestimmt war.

Übersehen werden darf freilich nicht, daß die Voreingenommenheit vieler Marxisten in der Judenfrage in starkem Maße auf Karl Marx, den Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“, zurückzuführen ist. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hat Thomas Masaryk auf diesen „Marxschen Antisemitismus“ aufmerksam gemacht. Obgleich von Geburt selber Jude, setzte Marx den Geist des Judentums mit dem des Börsenjobbers gleich. Ob Marx nun aber Antisemit war oder nicht – eine Frage, in der sich Fetscher zurückhaltend äußert –, mag dahingestellt bleiben. Fest steht nur, daß er in seinen unter dem Titel „Zur Judenfrage“ zusammengefaßten Aufsätzen den Juden als die Inkarnation der modernen kapitalistischen Ausbeutung, als Symbol von Schacher und Schwindel schlechthin darstellte.

Seine privaten Bemerkungen verstärken noch den antisemitischen Eindruck, den viele seiner journalistischen und wissenschaftlichen Arbeiten machen. So sind eine Fülle Marxscher Äußerungen gegen Ferdinand Lassalle nachzuweisen, die nicht nur sachliche Gegensätze und persönliche Rivalität widerspiegeln, sondern von Antisemitismus strotzen: „Jüdel“, „Baron Itzig“, „Ephraim Gescheit“, „Jüdischer Nigger“ sind nur eine Auswahl. Will man nicht Wunschträume über nachweisbare Tatsachen stellen, dann muß man die Auswirkungen berücksichtigen, die Marx mit seinen Ansichten über die Juden auf viele seiner Epigonen und Apologeten gehabt hat.

Ähnlich wie Marx waren auch Friedrich Engels, August Bebel, Karl Kautsky, Rosa Luxemburg oder Wladimir I. Lenin der Überzeugung, daß die Judenfrage in einer „menschlich“ emanzipierten Gesellschaft verschwindet. Ähnlich wie Marx waren auch sie davon überzeugt, daß das Aufgehen der Juden in ihrer Umgebung eine sozialökonomische Notwendigkeit sei, die sich über kurz oder lang und eher früher als später vollziehen werde. Übersehen wurde nur der Widerstand, den die nichtjüdische Gesellschaft einer solchen Assimilation in den Weg gelegt hätte, als auch der Widerwille, den ein bedeutender Teil der Juden gegen die nationale Selbstauflösung hegte. Die meisten der im vorliegenden Band abgedruckten Texte machen deutlich, daß eine staatliche Eigenexistenz der Juden für überflüssig gehalten wurde, „weil es in einer sozialistischen Gesellschaft keine nationalen Konflikte mehr geben würde“.

In dem Nichtanerkennen der Existenz einer jüdischen Nationalität lag ohne Zweifel die große Selbsttäuschung vieler Marxisten begründet. Die Tatsache des Bestehens einer, lebendigen jüdischen Gemeinschaft wurde von ihnen nicht gesehen. Lenin bejahte zwar das Recht unterdrückter Nationen, innerhalb des sozialistischen Staatenverbandes eine eigene nationale Organisation zu bilden. Den Juden als Nation sprach er dieses Recht jedoch ab. Auch Leo Trotzki hielt nationaljüdische Bestrebungen für verfehlt. „Der Zionismus“, schrieb er in einem Brief an jüdische Linksintellektuelle in der Sowjetunion im Oktober 1934, „lenkt die Arbeiter vom Klassenkampf ab durch Hoffnungen auf einen jüdischen Staat unter kapitalistischen Bedingungen, die nicht zu verwirklichen sind.“ Erst die anhaltenden Verfolgungen der Juden im nazistischen Deutschland und die Fortdauer antisemitischer Vorurteile selbst in der Sowjetunion veranlaßten Trotzki schließlich, seine Haltung gegenüber der Forderung nach staatlicher Eigenständigkeit der Juden zu ändern.

Wenn man bedenkt, unter welchen Schwierigkeiten gerade heute Juden in der Sowjetunion leben, so ist der Wiederabdruck des Textes zu begrüßen, den Lenin auf eine Aufklärungsschallplatte zur Massenagitation gegen den Antisemitismus gesprochen hatte – eine Schallplatte, die seit der Stalin-Zeit aus dem Handel verschwunden ist. Der Text beginnt mit dem Satz: „Antisemitismus nennt man die Verbreitung der Feindschaft gegen die Juden.“