Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Marxismus je nach den politischen oder sozialen Umständen sich dem Antisemitismus ebensogut nähern und mit ihm liebäugeln wie ihn ablehnen und bekämpfen kann. Selbst wenn man davon ausgeht, daß der Antisemitismus kein grundsätzliches Element der marxistischen Theorie ist, beweist doch das Studium der Schriften und Reden führender Marxisten des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts antisemitische Tendenzen, die vergleichsweise nicht unähnlich den Motiven und Wurzeln des bürgerlichen Antisemitismus sind. So unbegreiflich dieses Phänomen auch sein mag, so erklärlich und verständlich ist es, wenn man berücksichtigt, daß sich auch die Marxisten nicht dem herrschenden Zeitgeist entziehen konnten, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts vom Aufkommen bürgerlich-nationalistischer Bewegungen bestimmt war.