Von Carl-Christian Kaiser

In Anneliese Poppingas Leben hat ein Mann eine beherrschende Rolle gespielt: Konrad Adenauer. Stets ist sie ihm nahe gewesen – als Sekretärin des ersten Regierungschefs der Republik; Helferin nach seinem Abschied vom Kanzleramt; nach seinem Tode als Archivarin, jetzt als Geschäftsführerin der „Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus“; als Verfasserin eines Erinnerungsbuches und Autorin einer Dissertation, die in diesen Tagen von der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart herausgebracht wird: „Konrad Adenauer – Geschichtsverständnis, Weltanschauung und politische Praxis“.

In ihrer Dachstockwohnung zu Rhöndorf am Rhein, nur ein paar hundert Schritte vom Adenauer-Haus entfernt, zeigt sich die Doktorin Poppinga von wechselnden Gefühlen bewegt. Endlich hat sie in München, zu diesem Zweck von der Stiftung für vier Jahre beurlaubt, studieren und promovieren können, politische Wissenschaften als Hauptfach, neuere Geschichte und Völkerrecht in den Nebenfächern, als Doktorvater niemand Geringeren als den Politologen Nikolaus Lobkowicz. Aber was werden Öffentlichkeit und Fachwelt zu einer Dissertation über ein Thema und einen Mann befinden, dem sie so nahe gestanden hat? Frau Poppinga, obwohl Mitte Vierzig, hat Lampenfieber. Die Absicht, zu studieren, und die unmittelbare Bekanntschaft mit dem Hauptakteur der deutschen Nachkriegspolitik fügt sich zu einer Kette sozusagen konsequenter Zufälle zusammen. Wann immer sich Anneliese Poppinga Hörsälen nähern wollte, kam die Politik dazwischen. Um Geld für das Studium zu verdienen, ging die Abiturientin Ende der vierziger Jahre nach London, für „mother’s help“, als Hausangestellte. Aber durch den Zufall einer Namensverwechslung geriet sie in die Pressestelle der Bonner diplomatischen Vertretung, und seitdem war alles unaufhaltsam.

Unaufhaltsam deshalb, weil sie 1954 zwar in Bonn mit einem Jurastudium begann, aber, wiederum des Geldes wegen, im Auswärtigen Amt arbeitete. Dort wurde sie von Hans Kroll entdeckt, der sie auf den Botschafterposten in Japan mitnahm. Dem gelegentlichen Choleriker Kroll widersprach sie, wenn ihr etwas nicht paßte, besonders beim Diktat eines bestimmten Briefes – eine Szene, die Kroll Adenauers Hausmeier Globke schilderte und die Globke dem Kanzler überlieferte. Seitdem war erst recht alles unaufhaltsam, denn Adenauer suchte eine neue Sekretärin, und wer es wie Anneliese Poppinga drei Jahre lang mit Hans Kroll ausgehalten hatte, der mußte auch mit dem Kanzler zurechtkommen.

Am 12. Juli 1958 kam das Telegramm, das sie nach Bonn bat, eine gute Woche danach stieß sie bereits in Adenauers Vorzimmer. Was seitdem geschah, das läßt sich in Anneliese Poppingas „Erinnerungen an Konrad Adenauer“ nachlesen, erschienen 1970, inzwischen mit einer Auflage von insgesamt 83 000 Exemplaren, die wiederum dazu beitrugen, endlich das Studium zu finanzieren. Diese Erinnerungen hat sie ursprünglich gar nicht zu Papier bringen wollen, aus Respekt und Bescheidenheit, wie sie denn auch heute noch unverändert vom „Bundeskanzler“, nicht etwa von „Adenauer“ spricht und nichts davon wissen will, daß sie dank ihrer ehemaligen Tätigkeit auch zu einer Person der Zeitgeschichte geworden ist: „Das wäre unbescheiden.“

Aber Anneliese Poppinga wurde von vielen, darunter Golo Mann, ermuntert, ihre Erinnerungen zu fixieren, und als sie zu schreiben begonnen hatte, fing sie Feuer, schließlich war es „fast wie Besessenheit“. Was dabei herauskam, war weder eine Biographie des letzten Lebensjahrzehnts Konrad Adenauers noch eine Bewertung seiner Politik, geschweige denn ein intimer Bericht. Statt dessen war das Buch eine krause Mischung von Schilderungen aus dem Alltag des Kanzlers und Altkanzlers, nicht zuletzt der tragikomischen Bemühungen, ihn zur Niederschrift seiner Memoiren zu bewegen, und besonders der zornigen Sorgen, mit denen er die vermeintliche Verschleuderung seines politischen Erbes verfolgte. In jenen Erinnerungen finden sich viele wortwörtlich zitierte Passagen aus politischen Monologen des Altkanzlers. Anneliese Poppinga schrieb sie auf – wie einst Eckermann die Monologe Goethes. War sie am Ende Konrad Adenauers Vertraute? Auch das weist sie von sich, auch dies erscheint ihr unbescheiden. Aber wer je erlebt hat, wie einsam in Bonn die mächtigsten Männer werden können, wenn sie ihre Macht verloren haben, der versteht jene Monologe gegenüber einem Mädchen, das eigentlich ausgezogen war, um zu studieren, aber in die Politik geriet.

Was Wunder also, wenn das Lampenfieber, mit dem Anneliese Poppinga das öffentliche und fachliche Urteil über ihre Dissertation erwartet, vor allem davon herrührt, daß ihr Subjektivität vorgeworfen werden könnte. Sicher ein Problem: Wie gewinnt man Distanz zu einem Thema und einer Person, die einem so nahe gewesen sind? Und das andere Problem: Wie stellt man die politischen Grundsätze des Altkanzlers dar, wie läßt sich das „politische Urgestein“ Adenauer herauskristallisieren, wenn es von so vielen Adern durchzogen war, die tagespolitischen Notwendigkeiten entsprangen – Notwendigkeiten wiederum, die Anneliese Poppinga Tag für Tag miterlebt hat? So hat sie das Spannungsverhältnis von Subjektivität und Objektivität an der eigenen Person erfahren. Sie macht keinen Hehl daraus, daß sie an ihrer Dissertation deshalb manchmal verzweifelte. Aber schließlich hat sich alles glücklich zusammengefügt: der endlich ausgeführte Vorsatz, zu studieren, und der Mann, der diesen Vorsatz durchkreuzte, als Ziel und Thema des Studiums. Dr. Anneliese Poppinga hat sich mit keinem abstrakten Gegenstand befaßt, sie ist zur Historikerin aus Augenschein geworden.