Von Ruth Herrmann

Irgendwo in Afrika ist der Name der kleinen Stadt in der Lüneburger Heide womöglich bekannter als bei uns. Hermannsburg ist nämlich Sitz der Missionsgesellschaft, die seit der Mitte der vorigen Jahrhunderts evangelisches Christentum in den schwarzen Erdteil exportiert. Gründer der Hermannsburger Mission war der Theoauch und Prediger Ludwig Harms. Die neupietistische Erweckungsbewegung von dazumal wollte auch einen Damm gegen Rationalismus und Materialismus bauen.

Hermannsburg, rund dreißig Kilometer von Celle und siebzig von Hannover gelegen, hat jetzt 5100 Einwohner, die sich weniger Sorgen um den Materialismus als um das Materielle machen. Es gibt keine Industrie im Ort oder in der Nähe. Zwei für den heutigen Bedarf viel zu große Kirchen beherrschen das Bild der Stadt, die 1975 tausend Jahre alt wird.

Davon abgesehen ist es ein anheimelnder Ort mit alten, kleinen Häusern. Hier hat sich niemand etwas davon versprochen, abzureißen und Betonburgen zu bauen. Im Gegenteil: Gerade das Alte und die Ruhe sind der Reiz für den Reisenden. Hermannsburg liegt am Westrande des Naturparks Südheide. Wer für eine Woche oder ein Wochenende dorthin fährt, nimmt Schuhe mit, in denen es sich bequem laufen läßt.

In den Hotels liegt die Wanderkarte bereit. Wer schnell müde wird, geht am besten zuerst einmal nur über Siedenholz, Theerhof, Neulutterloh, Wiechel und Hausselberg nach Müden – das sind nur drei Kilometer. Auf dreimal so weivon Weg läßt sich das in nächster Nachbarschaft von Hermannsburg gelegene Dorf Müden erreichen; Wenn man von Wolthausen (11 km nordwestlich von Celle) losmarschiert, flußaufwärts im Urstromtal des Flüßchens Örtze. Das sind zwei auf der Wanderkarte verzeichnete Möglichkeiten von fünfen. Aber warum nicht einfach ohne solche Vorschläge losstiefeln und umkehren, wenn man genug hat? Das nächste Heidedorf (oder ein Forsthof) ist niemals weit, Heide und Wald sind überall, Heidschnuckenfelle und Honig in der kleinsten Ansiedlung zu kaufen. Sensationen gibt es nirgends außer der einen, der stillen Landschaft.

Betrieb hat die Südheide nur dort, wohin man nicht darf, im weiten, gesperrten Gebiet des Truppenübungsplatzes um Munster. Wer von Norden, etwa aus Richtung Hamburg, kommt, kann in eine endlose Karawane von Panzern geraten. Mir verdeckte einer dieser Stahlsaurier ein Hinweisschild zum Abbiegen, und ich landete vor Kasernenbaracken. Ein Soldat, den ich fragte, wie man in Richtung Bergen komme – er hatte die Kolonne einzuwirken – stoppte die Panzer und dachte sorgfältig nach. „Bergen? Oh yes, Börgen! That direction!“ Ich war an einen Engländer geraten. Er konnte nicht wissen, daß manche Deutsche diesen kleinen Ort besuchen, weil hier einmal ein KZ existierte.

Im Kegelkeller vom Heidehof in Hermannsburg, einem neuen, sehr komfortablen Hotel mit erstklassiger Küche, genießen die Mitglieder des Klubs „Scharfe Kante“ den Samstagabend. Zwei sind aus Faßberg, halbwegs zwischen Munster und Hermannsburg. Sie müssen im Wagen zurück, trinken deshalb nur etwas Bier. In Faßberg, sagen sie, ist nichts los. „Ins Hotel Reblaus kommen bloß Frauen, die ihre Männer kontrollieren wollen, die beim Bund sind.“ Und in Munster, ist da auch nichts los? „Munster? Das nennei wir Klein-Hamburg. Da gibt es einen Nightclub und sowas – nichts für uns Zivilisten.“