Vor sechzehn Jahren glaubte der britische Wirtschaftstheoretiker A. W. Phillips, den Stein des Weisen gefunden zu haben. Er entdeckte, daß zwischen Lohnerhöhung und Arbeitslosenquote in England ein direkter Zusammenhang besteht. Die Quintessenz seiner Erkenntnis: Bei Vollbeschäftigung klettern die Löhne schneller als bei hoher Arbeitslosigkeit.

Mister Phillips war zudem um weitere Schlüsse aus diesem nicht gerade aufregenden Forschungsergebnis nicht verlegen. Der interessanteste: Wenn die Preise schneller als die Löhne steigen, die Reallöhne also sinken, sind fast immer neue Lohnforderungen die Folge; umgekehrt führen hohe Arbeitslosenzahlen zu niedrigeren Forderungen und damit stabilen Preisen.

Dutzende von gelehrten Büchern und Artikeln sind mittlerweile zur Problematik der Phillips-Kurve erschienen. 1960 verkündeten zum Beispiel die amerikanischen Wissenschaftler Samuelson und Solow, man könne die magische Kurve ohne weiteres zu einem Instrument für Wirtschaftspolitiker machen. Die findigen Amerikaner entwickelten eine regelrechte „Speisekarte“, von der sich Alternativen für Preise und Arbeitslosigkeit ablesen ließen nach dem Motto: Wenn die Preise nur um x Prozent steigen sollen, muß die Zahl der Arbeitslosen auf y klettern.

1967, bei der letzten Rezession, hatten die Phillips-Jünger auch in der Bundesrepublik starken Zulauf. Da mit steigender Arbeitslosenzahl die Preise nahezu stabil wurden, sah alles nach einem Sieg von Mister Phillips über seine Gegner aus. Doch seit ein paar Monaten ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß die magische Kurve mit äußerster Vorsicht zu genießen ist und daß sie als Instrument der Wirtschaftspolitik wenig taugt: Denn das Heer der Arbeitslosen wächst in vielen Ländern, und die Inflation galoppiert munter weiter. Die Phillips-Kurve gehört zumindest bei hohen Inflationsraten zum alten Eisen.