Von Michael Salewski

Hitler fiel am 1. September 1939 in Polen ein, ohne den Krieg zu erklären. Als England und Frankreich trotz ihrer Ultimaten nach dem 3. September keine Anstalten trafen, dem Überfallenen Verbündeten militärisch wirksam zu helfen, belebten sich Hitlers Hoffnungen, auch im Fall Polen das „Etappenziel“ auf dem Wege zur Hegemonie in Europa ohne großen Krieg erreichen zu können. Nachdem er seine Beute in Sicherheit wähnte, war der Diktator durchaus zu einem allgemeinen „Waffenstillstand“ bereit, vorausgesetzt, die Westmächte fanden sich mit dem fait accompli im Osten ab. Ein „Friedensschluß“ im Oktober 1939 hätte Hitler eine verbesserte Plattform für seine weiteren Expansionspläne verschafft. Tatsächlich scheuten auch England, Italien, vor allem Frankreich, vor einer Neuauflage des Ersten Weltkrieges zurück.

Während der Krieg nach der Niederlage Polens verharrte, so daß die Franzosen von der „drôle de guerre“, die Engländer vom „phony war“ sprachen, setzten überall politische, diplomatische, kirchliche, geheimdienstliche und private Versuche ein, eine Wiederholung des Weltkrieges doch noch zu vermeiden. Dabei ging es allein um handfeste politische, wirtschaftliche, militärische Interessen, kurzum um das, was man euphemistisch mit dem Begriff „Staatsräson“ zu umschreiben pflegt.

Entstehung, Verlauf und Bedeutung dieser oft außerordentlich verwirrenden Vermittlungsverversuche, die Rolle der Großmächte hierbei – vorweg Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten – werden jetzt erstmals unter Heranziehung bisher weitgehend unbekannten Quellenmaterials in einem großangelegten, kenntnisreichen Werk bis in die feinsten Verästelungen hinein sorgsam ausgeleuchtet:

Bernd Martin: „Friedensinitiativen und Machtpolitik im Zweiten Weltkrieg 1939–1942; Geschichtliche Studien zu Politik und Gesellschaft Band 6; Droste Verlag, Düsseldorf 1974; 572 S., 72,– DM.

Der vorliegende Band reicht bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, bis zum Ausbruch des „eigentlichen Weltkrieges“. Dem Verfasser ist Mut zu bescheinigen: Entgegen aller modischen Strömungen in der Historiographie handelt es sich hier um „Diplomatiegeschichte“ im besten Sinne, zudem um das Gegenteil dessen, was man als „Erfolgshistorie“ bezeichnet.

Am bekanntesten dürfte noch die Rolle sein, die Hitler und seine Paladine – vor allem Göring und Heß – spielten: Für den Diktator war nicht Frieden, sondern der Rassenkrieg die „natürlich“ gegebene Lebensform der Völker untereinander. Ihm ging es daher höchstens um vorübergehende Atempausen, in denen er die weitere Realisierung seines Weltherrschaftsprogramms vorbereiten konnte. Gewiß, Hitler hätte Frieden haben können: Nach dem Polenfeldzug, deutlicher noch nach der Niederlage Frankreichs hätte es nur eines ernstzunehmenden generösen Angebotes bedurft, um die „die-bards“ in England, die sich um Churchill scharten, politisch auszuschalten. Doch Hitler hatte England nur die Rolle eines „Juniorpartners“, auf dem Höhepunkt seiner militärischen Erfolge sogar nur noch die eines mediokren Vasallen anzubieten.