So klammerte sich der politisch rückwärtsgewandte, imperialistisch denkende Churchill an die amerikanische Hilfe in der irrealen Hoffnung, das englische Weltreich retten zu können. Aber Roosevelt verfolgte seine eigene Politik: Er wollte weder Frieden noch eine Restauration der machtpolitischen Verhältnisse, wie sie vor dem Kriege bestanden hatten. So hintertrieb er sogar die Friedensinitiative seines eigenen Außenministers, Sumner Welles, so hielt er in Englands dunkelster Stunde alle wirksame Hilfe für die Bruderriation bewußt zurück, und so wartete er auch 1941 erst ab, ob sich die Sowjetunion allein Hitlers Armeen erwehren konnte, bevor er sich zu Hilfsmaßnahmen entschloß.

Dem amerikanischen Präsidenten ging es einzig und allein um Amerika selbst, der "Zynismus der Macht" war Roosevelt so eigen wie Hitler: Der eine realisierte rücksichtslos sein Rassenprogramm und bereitete den Kampf um die Weltherrschaft vor, der andere erstrebte unverhohlen eine ökonomische Weltherrschaftsposition auf Kosten der übrigen Nationen, seien sie nun feindlich, neutral oder verbündet.

Das Urteil über Roosevelt fällt vernichtend aus, es ist geeignet, das Gesamtbild des Zweiten Weltkrieges entscheidend zu modifizieren. Aber auch die anderen Neutralen kommen nicht gut weg: Frankreich, innerlich zerrissen und defätistisch, wartete nur darauf, das Handtuch zu werfen, war nach der Niederlage durchaus zur "Collaboration" mit Hitler bereit; Italien sah Friedensinitiativen nur unter dem Gesichtspunkt der eigenen Machtausdehnung und Konsolidierung; die skandinavischen Staaten wurden von der Angst vor Deutschland, Spanien in der Hoffnung auf eine bevorzugte Stellung in Hitlers "Neuem Europa" zu halbherzigen, eigensüchtigen, erfolglosen Friedensbemühungen veranlaßt. Die Schweiz schließlich tat, als ginge sie alles nichts an, solange das Reich sie nicht schluckte.

Als Hitler schließlich Rußland angriff, ging ein Aufatmen durch Europa: die Neutralen und Geschlagenen waren willig, am "Kreuzzug" gegen den Bolschewismus mit Worten und Taten teilzunehmen. Von Stockholm bis Bern meldeten die Missionen Kreuzzugsstimmung – Hitler gewährte nur wenigen "Freiwilligen" die Gnade "mitzumachen".

Martins Studie macht eines erschreckend deutlich: "Frieden" wollte eigentlich niemand, solange der Krieg noch irgendeine "Chance" zur eigenen Machtausdehnung bot. Das galt nicht zuletzt auch für die katholische Kirche, besser: für Pius XII. Auch er führte das Wort "Frieden" im Munde, meinte aber Mission: zuerst im Mittelmeerraum, wobei die Hoffnung auf das Ende des Schismas von 1054 ausschlaggebend war, dann in der Sowjetunion, die, wäre es nach des Papstes Willen gegangen, nach und nach "rekatholisiert" werden sollte. Hitler als moderner "defensor fidei" – eine groteske Vorstellung, die gleichwohl im Vatikan ihre Befürworter fand!

So fällt der Leser von einer Empörung in die andere. Der Historiker, der den Stellenwert politischer Moral wohl immer niedrig anzusetzen pflegt, sieht sich bestätigt. Martin sucht den insgesamt niederschmetternden Eindruck, den die "Friedenspolitik" im Zweiten Weltkrieg vermittelt, allerdings abzuschwächen: "Wenn diese Studie Emotionen weckt – im Ausland vermutlich wie im Inland –, dann sollten damit keine alten Ressentiments neu belebt werden. Vielmehr mag eine sachliche Auseinandersetzung mit den dargebotenen Fakten dazu beitragen, selbstgefällige Mythisierungen eines nationalen Geschichtsbildes abzubauen und zu einer neuen historischen Standortbestimmung zu gelangen."

Dem ist zuzustimmen, aber das reicht wohl nicht. Das Buch wirft in scharfer Form die Frage nach den Grenzen des staatlichen Egoismus auf; es handelt sich somit um ein "moralisches" Werk, das nicht nur die Geschichtswissenschaft und die ihr verwandten Disziplinen, sondern auch die heute verantwortlichen Politiker angeht.