In den Annalen der Popmusik steht dieser Werbefeldzug, der am 4. Februar in Paris endete, beispiellos da. Nicht einmal Elvis Presleys Manager, der für seine Zirkuskunststücke, Taschenspielertricks und harten Geschäftsmethoden bekannte „Colonel“ Tom Parker, hat sich jemals eine so spektakuläre Idee einfallen lassen: Mit einem Produktionsaufwand von 250 000 Dollar hatten die Manager der Firma Warner/Reprise Records Mitte Januar eine Promotionkampagne gestartet, mit der sie sechs ihrer neuen Gruppen erstmals einem breiteren europäischen Publikum vorstellten.

Sie erklärten das Jahr 1975 schlicht zum „Year of the Bunny“ (gemeint ist der hauseigene Cartoonheld Bugs Bunny, nicht Hugh Hefners „Playboy“-Häschen) und veranstalteten in Zusammenarbeit mit führenden Rockimpresarios zwanzig Konzerte in neun europäischen Metropolen. Die professionell organisierte Blitzkriegoperation mit insgesamt 105 Beteiligten wurde von Strategen des Showbusiness entworfen. Die Operation wurde ein Erfolg, und das lag vor allem an den in dieser Branche durchaus unüblichen kalifornischen „soft sell“-Methoden, mit denen hier geworben wurde. Die Warner/Reprise Records ist sowieso bekannt als experimentierfreudigste Plattenfirma, die selbst kommerziell erfolglose Talente wie Randy Newman oder Little Feat über Jahre hinweg fördert. Auch diesmal waren ihre Manager nicht an schnellem Geld, sondern an ihrer Imagepflege interessiert. Die 72 000 Besucher, welche die Warner Bros. Music Show“ sahen, wurden überrascht durch ein abwechslungsreiches Programm, kurzweilige Umbaupausen und relativ niedrige Eintrittspreise. Und die Musiker, an nervenaufreibenden Tourneealltag gewöhnt, erlebten in einem vergleichsweise gemächlichen Reiserhythmus Europa für ein bescheidenes Taschengeld von 15 Dollar pro Tag. Übrigens wird der eingeplante finanzielle Verlust, etwa 50 000 bis 75 000 Dollar, durch die Werbewirkung des Unternehmens mehr als wettgemacht.

Denn Verlustgeschäfte sind die Tourneen der meisten Rockgruppen selbst in den USA. Sie dienen in erster Linie dazu, den Schallplattenumsatz zu fördern und durch Liveauftritte neue Anhänger zu gewinnen. Profit durch Tourneen erzielt heute nur noch, wer in ausverkauften Häusern vor Tausenden von Fans spielt. Das bedeutet bei der gegenwärtigen Rezession in den USA daß erstens die absoluten Spitzenverdiener der Branche wie Elton John und Led Zeppelin, Bob Dylan oder Paul Simon noch mehr verdienen als zuvor; daß zweitens die weniger erfolgreichen Gruppen ihre zum Teil horrenden Garantieforderungen in den letzten Monaten drastisch reduzieren mußten; daß sich drittens die noch nicht etablierten neuen Talente oft nur mühsam durchsetzen können.

Schon darum war die Tournee der „Warner Bros. Music Show“ begrüßenswert, denn sie präsentierte mit der Gruppe Tower of Power die beste neue Soulband und mit dem kalifornisches Sextett Little Feat die überragende neue Rockgruppe der siebziger Jahre erstmals in Europa. Sechstausend Besucher feierten Little Feat in der Amsterdamer Edenhal begeistert als neue Superstars. Franz Schöler