Von Hansjakob Stehle

Rom, im Februar

Wenn die italienischen Christdemokraten mit sich selber meist mehr beschäftigt sind als mit dem Lande, das sie seit dreißig Jahren immer glückloser regieren, dann können sie dies mühelos rechtfertigen: Ihre Parteikrise ist schon fast identisch mit der Krise Italiens. Deshalb ist auch der Bruch, zu dem es Anfang der Woche im "Nationalrat", dem 205köpfigen Parteiparlament der Democrazia Cristiana (DC), gekommen ist, nicht nur bloßes Funktionärsgerangel. Nach eineinhalb Jahren ist die mühsam gekittete Einheitsfassade der Partei gefallen, haben die beiden Linksfraktionen wieder offen gegen den Parteivorsitzenden Fanfani und seine Balancekünste gestimmt.

Für Fanfani ist es nur ein schwacher Trost, daß diese Linke nur ein Fünftel der Partei repräsentiert. Nicht wenige seiner Parteifreunde aus den vier Fraktionen, die für ihn stimmten, waren schon vor der nichtnamentlichen Abstimmung weggelaufen; sogar mehr als die Hälfte, behaupteten manche Teilnehmer. Selbst die Reden jener DC-Größen, die dem Parteichef zähneknirschend mit Rücksicht auf die kommenden Regionalwahlen ihre formale Zustimmung nicht versagen wollten, strotzten vor Vorbehalten. So machte etwa der frühere Innenminister Taviani darauf aufmerksam, daß "wir die Erfolglosigkeit der in den letzten zwei Jahren betriebenen Politik nicht verbergen können". Eben dies hatte Fanfani, dem man die Schuld am mißglückten Ehescheidungsreferendum, überhaupt an der "versäumten Erneuerung und Modernisierung der Partei" gibt, zu vertuschen versucht.

Ohne konkret zu sagen, wie es nun weitergehen solle, wie etwa aus der Minderheitsregierung Aldo Moros wieder eine stabile Koalition der "linken Mitte" werden könnte, verkündete Fanfani nur ein Negativprogramm: Den Sozialisten dürfe keine Vorzugsstellung eingeräumt werden, die DC müsse sich die Wahl ihrer Partner offenhalten. Gleichzeitig aber lehnte Fanfani den von den Kommunisten angebotenen "historischen Kompromiß" im Brustton der Oberzeugung ab. Ergibt sich daraus aber nicht als einzige Alternative doch wiederum nur das Bündnis mit den unbequemen Sozialisten – und damit deren Vorzugsstellung?

Nicht nur Fanfani, auch die anderen Spitzenfunktionäre konnten diesen Widerspruch nicht auflösen. Trotz aller Exorzismen geisterte nämlich gleichwohl die kommunistische Formel vom "historischen Kompromiß", die KP-Chef Berlinguer selber als "provokatorisch" bezeichnet hat, durch alle Reden der christdemokratischen Politiker. Die vom sanften "Noch nicht" bis zum pathetischen "Niemals" abgestufte einmütige Ablehnung jenes ominösen Vorschlags stand in einem seltsamen, freilich aufschlußreichen Kontrast zu der Faszination, die er zugleich ausübt.

Im Vorbereitungsdokument des Kongresses distanzieren sich die italienischen Kommunisten deutlicher denn je vom osteuropäischen Sozialismusmodell, ja sie kündigen eine Selbstkritik ihrer eigenen früheren Position an. "Man muß sich fragen, ob unsere Antwort auf die Vorgänge in Osteuropa nicht durch Zweideutigkeit gesündigt hat. Eine Reflexion darüber und über die schweren Eingriffe Stalins in die Länder der ‚Volksdemokratie‘ (das Wort wird jetzt von der KPI in Anführungszeichen gesetzt), denen er von außen und von oben das sowjetische Modell aufzwang, ist auch heute notwendig und nützlich", heißt es in dem Dokument.