Von Dieter Buhl

Brüssel, im Februar

Im Brüsseler Berlaymont, dem Sitz der EG-Kommission, ist wieder ein Hauch von Optimismus zu spüren. Nach den Rückschlägen der letzten zwei Jahre, nach den Zerreißproben, die durch die Energiekrise, die britische Austrittsdrohung und die Währungsmalaise ausgelöst wurden, machen sich die Berufseuropäer neue Hoffnungen. Mit der europäischen Buchhaltung will die Kommission sich nicht mehr begnügen, sie will wieder der Brain-Trust der Europäischen Gemeinschaft werden, weitreichende Initiativen sollen an die Stelle gewohnter Beckmesserei treten.

Die guten Vorsätze werden durch einen Erfolg bestärkt. Das Abkommen zwischen dem Neuner-Europa und den 46 Entwicklungsländern aus Afrika, dem karibischen und pazifischen Raum (AKP-Staaten) ist eine der größten Leistungen Brüssels. Mögen sich auch, wie oft zuvor, die europäischen Regierungen die Federn an den Hut stecken, so ist doch unbestritten: Der weitreichende Entwurf zu Beginn, der trotz aller Belastungen zügige Verhandlungsablauf und das befriedigende Ergebnis sind das Verdienst der supranationalen EG-Kommission. Sie hat eine Mammut-Aufgabe perfekt gelöst – und ungewohnt großzügig.

Von Engstirnigkeit und Kleinkrämerei, den vielgerügten Lastern der Eurokratie, ist in der unterschriftsreifen "Konvention von Lomé" nichts zu merken. Sie garantiert den ehemaligen Kolonien nahezu ungehinderten Zugang zu Europas Märkten und finanzielle Unterstützung aus der Gemeinschaftskasse – fast ohne Gegenleistungen. Das Abkommen ist ein Modell für Hilfe zur Selbsthilfe, ein vernünftiger Ansatz zum Ausgleich des Nord-Süd-Gefälles, ein "ungleicher Vertrag" anno 1975 – diesmal zu Lasten der Stärkeren.

Die faire Behandlung der ehemaligen Kolonien wird das Ansehen der Gemeinschaft in der Welt weiter heben. Schon jetzt können Minister und Kommissare auf ihren Reisen registrieren, daß der politische und wirtschaftliche Stellenwert des Neuner-Clubs proportional zur Entfernung von Europa wächst. Doch in Afrika, Asien und Südamerika als ein weltpolitischer Faktor anerkannt, vom Comecon angesprochen und selbst von Amerika wieder ernster genommen zu werden, bedeutet eher eine Herausforderung als Grund zu Wohlgefälligkeit: Der äußere Schein der Gemeinschaft ist weit glänzender als ihr innerer Zustand.

Den Zwiespalt zu überwinden, die Wirklichkeit dem Anspruch anzunähern, ist Aufgabe der Kommission. Als Hüterin der europäischen Verträge war sie in letzter Zeit hauptsächlich damit beschäftigt, die Renationalisierungswelle einzudämmen, den Agrarmarkt vor dem Auseinanderfallen zu retten und den Aufbau von Schranken im freien Binnenmarkt zu verhindern. Jetzt soll sie wieder zum Motor der Gemeinschaft werden. Die vordringlichsten Aufgaben: