Von Michael Jungblut

Davon hatten die Menschen seit Jahrtausenden nur träumen können: Ein Leben frei von Hunger und Not, ohne zermürbende körperliche Arbeit, ohne Angst vor verheerenden Seuchen, Willkür der Obrigkeit und immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen. Doch außer im Märchen war dieser Traum von Sicherheit und Überfluß in der Vergangenheit stets nur für eine hauchdünne Oberschicht in Erfüllung gegangen.

Noch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts mußten große Gruppen der Bevölkerung ein Elend ertragen, das heute kaum noch vorstellbar ist. In einem zeitgenössischen Bericht über die Lage der schlesischen Weber aus der Zeit um 1886 heißt es beispielsweise: „Ihre Bedeckung besteht aus Lumpen, ihre Wohnungen zerfallen, Fleisch kommt bei einigen nur Ostern, Pfingsten und Weihnachten ins Haus und dann für eine Familie von fünf bis sechs Personen ein halbes Pfund.“

Erst im dritten Viertel unseres Jahrhunderts ist – zumindest in den von Weißen bewohnten Teilen der Welt – der alte Menschheitstraum vom Überfluß auch für breite Schichten der Bevölkerung in Erfüllung gegangen. In Westeuropa und Nordamerika haben die „kapitalistische“ Wirtschaftsordnung und der demokratische Rechtsstaat den Völkern mehr Lebensqualität beschert, als sich unsere Vorfahren je hätten träumen lassen.

Wenn auch das Zentrum der Wohlstandsexplosion in den westlichen Industrieländern lag, so hat doch die ganze übrige Welt in den vergangenen 25 Jahren ebenfalls eine Steigerung der wirtschaftlichen Leistung erlebt, die in der Geschichte einmalig ist. Zwischen 1950 und dem Beginn des Jahres 1975 hat sich die gesamte Weltproduktion mehr als verdreifacht. Innerhalb dieser wenigen Jahre wurde also doppelt soviel an Produktionskapazität neu geschaffen, wie zuvor in vielen Jahrhunderten. Nur weil in den Entwicklungsländern die Bevölkerung noch rascher wächst als die produktive Leistung, führte dies in den Armenhäusern der Welt kaum zu sichtbaren Fortschritten. Dabei hat sich in der Dritten Welt die industrielle Produktion allein zwischen 1960 und 1973 mehr als verdoppelt. Die Wachstumsraten waren noch höher als in den östlichen und westlichen Industrieländern.

Doch so bedeutsam solche Fortschritte sein mögen – sie verblassen gegenüber der enormen Zunahme des Massenwohlstandes in den westlichen Industrieländern. In der Bundesrepublik konnte eine mittlere Arbeitnehmerfamilie, die für ihren Konsum 1949 gerade 206 Mark monatlich zur Verfügung hatte, im vergangenen Jahr rund 1500 Mark pro Monat ausgeben. Und betrachtet man die Entwicklung im Verlauf der letzten hundert Jahre, so werden die Dimensionen des Aufschwungs im dritten Viertel unseres Jahrhunderts noch augenfälliger. Gemessen in Geld von heutiger Kaufkraft betrug das Volkseinkommen pro Kopf in Deutschland im Jahre 1874 ganze 1829 Mark. Fünfzig Jahre später lag das statistische Durchschnittseinkommen erst bei 2539 Mark jährlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es dann steil und fast ohne Unterbrechung aufwärts: In den Jahren zwischen 1950 und 1974 hat sich das Volkseinkommen je Einwohner in der Bundesrepublik nahezu vervierfacht, nämlich von 3279 auf 12 335 Mark im Jahr (siehe Graphik Seite 34).

Diese Leistungssteigerung ermöglichte nicht nur die historisch einmalige Erhöhung des Lebensstandards der gesamten Bevölkerung, sondern gleichzeitig auch eine bedeutende Verbesserung zahlreicher öffentlicher Dienste – beispielsweise im Bildungs- und Gesundheitswesen – und den Aufbau eines umfassenden Systems der sozialen Sicherheit. Dabei muß noch berücksichtigt werden, daß diese Leistungssteigerung trotz einer starken Verkürzung der Arbeitszeit erreicht wurde. Vor hundert Jahren mußten die meisten Erwerbstätigen für ihr kümmerliches Einkommen bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten und hätten von einem freien Samstag oder Urlaub nicht einmal zu träumen gewagt. Noch 1907, als Carl Duisberg es durchsetzte, daß verdienten älteren Arbeitern nach mindestens fünfjähriger Betriebszugehörigkeit einmal im Jahr je nach Dienstalter Urlaub zwischen drei und sieben Tagen gewährt wurde, hieß es – ganz zeitgemäß – in einem Zeitungskommentar: „Die Farbwerke, zu Leverkusen haben durch ihren Generaldirektor, den Wohlfahrtsprofessor Dr. Duisberg, einen Humbug aushecken lassen, mit dem sie eine recht aufdringliche Reklame zum Zweck des Arbeiterfangs machen.“