Zur Freiheit des Kranken dem Arzt gegenüber gehört das Recht, sterben zu dürfen... In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob das Recht des Kranken, sterben zu dürfen, dem Arzt nicht nur erlaubt, diesem Willen zu entsprechen, sondern ihm auch eine eigentliche Pflicht auferlegt, den Kranken sterben zu lassen.

In einem Konflikt zwischen dem Wunsch des Kranken auf baldiges Ende und dem Willen des Arztes zu möglichst langer Erhaltung des Lebens wird sich in der Praxis meist der Arzt durchsetzen und über den Willen der Patienten hinweggehen, zumal wenn er den Eindruck hat, der Wille des Patienten sei eher Ausdruck seiner Krankheit und seiner Schmerzen als eine echte personale Entscheidung, und wenn er sich verständlicherweise scheut, etwas anderes zu tun, als seine primäre Aufgabe als Arzt zu erfüllen, nämlich das Leben zu verteidigen und zu erhalten.

Aber damit ist das Problem nicht gelöst: Entspricht dem echt personalen Willen des Kranken, wohlüberlegt den Tod zuzulassen, auch wenn er noch hinausgezögert werden könnte, auf Seiten des Arztes eine eigentlich sittliche Pflicht, diesen Willen auszuführen, weil er ja als Arzt nicht bloß in den Dienst einer physiologischen Lebensverteidigung, sondern in den Dienst eines Menschen und seiner einen und ganzen Lebensgeschichte (wenn auch unter einem bestimmten Aspekt) getreten ist, wenn er einen Kranken als Patienten angenommen hat?

Man könnte sagen, ein solches Problem sei recht akademisch und komme nur höchst selten vor, weil es sich nur um den Willen eines Kranken während der Krankheit und nicht in gesunden Tagen handeln dürfe. Ein solcher Entschluß in gesunden Tagen könne für die Situation der Krankheit nicht einfach als gültig angenommen werden. In der Krankheit selbst sei ein solcher Wille echt personaler Art selten gegeben und der Arzt könne ihm kaum eindeutig erkennen. Aber man kann solche Fälle nicht als unmöglich betrachten, und damit ist das Problem gegeben. Dazu kommt die Frage, ob die Angehörigen eines bewußtlos Sterbenden stellvertretend den Willen auf Sterbenlassen so äußern können, daß der Arzt die Pflicht hat, diesem Willen nachzukommen.

Die Frage scheint dunkel zu sein. Denn im allgemeinen bedeutet ein sittlich legitimer Wille des einen noch nicht die sittliche Pflicht des anderen, ihm in der Verwirklichung seiner Absicht beizustehen. Man wird auch nicht beweisen können (sofern keine ausdrückliche Abmachung zwischen Patient und Arzt vorliegt), daß die Übernahme der ärztlichen Aufgabe einem bestimmten Kranken gegenüber notwendig die Bereitschaft impliziere, den Willen des Kranken in dieser Sache auszuführen. Bei der ganz menschlichen Funktion des Arztes dem Patienten gegenüber ist freilich das Gegenteil auch nicht bewiesen. Man müßte weiter überlegen, ob ein Arzt aus dem von beiden Seiten frei übernommenen Verhältnis zwischen Arzt und Patient wieder austreten kann, wenn ihm der Wille des Kranken auf Sterbendürfen deutlich begegnet. Auch diese Frage ist schwer zu beantworten; denn einerseits kann ein frei eingegangenes Verhältnis wieder frei gelöst werden, andererseits dürfte ein Kranker in den hier zur Frage stehenden Fällen nur schwer einen anderen Arzt finden.

Grundsätzlich meine ich eher, daß eine solche Pflicht des Arztes besteht. Nur dann können inhumane und unwürdige Verlängerungen des Lebens vermieden werden, und ein Arzt, der diese Pflicht sieht, kommt leichter über die begreifliche Scheu hinweg, einen Menschen sterben zu lassen, dessen Leben er noch eine Zeitlang hätte verlängern können. Aber in solchen Fragen gelingt es auch einer christlichen Moral nicht mehr, Regeln zu formulieren, die sachlich eindeutig, unmittelbar anwendbar und für alle einsichtig wären.

Die Freiheit ist ein Mysterium. Von ihrem Grundwesen her ist sie die dem Menschen auferlegte Notwendigkeit, sich frei für oder gegen jene Unbegreiflichkeit zu entscheiden, die wir Gott nennen. Sie ist die Möglichkeit, sich in bedingungslosem Vertrauen hoffend in diese Unbegreiflichkeit als Ziel, Seligkeit und Vollendung des Menschen fallenzulassen. Diese höchste Macht der Freiheit vollendet sich in der Ohnmacht des Todes. In dieses eine Geschehen von Freiheit und Tod ist der Arzt hineingezogen. Der Arzt kann seine ureigene, für ihn im Unterschied zu anderen menschlichen Betätigungen spezifische Aufgabe nur wirklich erfüllen, wenn er mehr als Mediziner ist, wenn er in der Erfüllung seiner ärztlichen Aufgabe wirklich Mensch und sogar (anonym oder ausdrücklich) Christ ist. Daher kann ihm die Freiheit des Kranken, die im Sterben an ihre Grenze und ihre Vollendung kommt, nicht gleichgültig sein. Er kämpft auch um den Raum und das Recht gerade dieser letzten Freiheit. Er und nicht nur der Kranke sollen sich in schweigend gelassener Hoffnung dem Mysterium des Todes ergeben, nachdem sie für dieses irdische Leben bis zum Letzten gekämpft haben. Der Arzt ist ein Diener der Freiheit.(Aus „Stimmen der Zeit“)

Karl Rahner (SJ) ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte.