Dies ist gar keine Anthologie, vielmehr ein Sammelsurium. Beim heiligen Hermann Kesten, dem König aller Anthologisten oder beim fast heiligen Reich-Ranicki: hier wird ein Buch angeboten, das zwar von einem prominenten Schriftsteller herausgegeben wurde, in einer Verlagsbibliothek, die wiederum von vier Schriftstellern herausgegeben wird – herausgegeben aber wurde es schlechterdings nicht –

„Auskunft – Neue Prosa aus der DDR“, herausgegeben von Stefan Heym; Autoren Edition C. Bertelsmann Verlag, München, 1974; 328 S., 20,– DM.

Stefan Heym hat an Stelle eines Vorwortes vier Seiten eines Ausrufertextes beigegeben, das Verlagslektorat (oder wer immer) eine Bibliographie, die in ihrer Sorglosigkeit jeder Beschreibung spottet. Irgendein Prinzip läßt sich nicht erkennen, es sei denn, man wolle Stefan Heyms Proklamation, er habe hier nur Texte lebender Schriftsteller der DDR zusammengefaßt, und wenn ältere, dann Texte, die westlich der Elbe kaum oder gar nicht bekannt waren, zum Prinzip erhoben. So befremdlich dieser biologistische Maßstab ist, so unrichtig der andere: Die Texte der älteren und berühmteren Autoren, etwa von Anna Seghers oder Stephan Hermlin, sind bekannt und in der Bundesrepublik längst in hohen Auflagen erschienen. Auch der Versuch, eine inhaltliche Standortbestimmung zu geben, bleibt auf peinliche Weise vage: „Die auf diesen Seiten gedruckt sind, arbeiten für eine Leserschaft, die erwartet, daß der Autor etwas mitteilt über Vorgänge, über Stimmungen, erzählend, feststellend, polemisierend, wie auch immer – nur kein abstraktes Wortgeklingel

Barmherziger Himmel – wenn das spezifischer Ausweis sozialistischer Literatur sein soll, dann hat Stefan Heym mit schnellem Federstrich bewiesen, daß es keine gibt.

Und eben dies führt auf niederschmetternde Weise diese Textanhäufung auch vor. Von den 36 Prosastücken befaßt sich gut die Hälfte strikt nicht mit der Realität der DDR. Und selbst bei so renommierten Autoren wie Hermann Kant oder Rolf Schneider handelt es sich eher um eine Grenzgängerprosa; bei Hermann Kant immerhin eine diszipliniert zuchtvolle Erzählung, die beweist, daß die Stärke dieses Autors offenbar mehr in der Erzählung als im Roman liegt, und die zeigt, daß er knapp und eindringlich charakterisieren kann: „Hätte sie nicht dagesessen wie ein Gebild aus Staub und Überfahrten Gräserrippen“ – das ist schon eine gelungene Skizze zur Figurine der in den Westen übersiedelnden Rentnerin.

Bei Rolf Schneider das inzwischen von ihm zu erwartende literarische Imitationsspielchen – rate mal, wer das Original geschrieben hat –, diesmal: Christa Wolf. Kernsatz des Textes von Schneider ist eine Anverwandlung des unvergeßlichen Kernsatzes von Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“: „Es war Abend, als sie sich eine Fahrkarte für die Stadtbahn kaufte. Die Karte hatte roten Aufdruck auf gelbem Grund, jetzt besaß sie noch ein Markstück und vier Groschenstücke aus gelbem Metall. Sie fuhr bis Westkreuz.“

Statt Auswahl: Textanhäufung