Von Robert Gerhardt

Lissabon, im Februar

Ein Satz ist in Portugal fast zur Parole geworden: „Die Lage ist konfus.“ Eindeutige Auskunft über den weiteren Weg des Landes weiß keiner zu geben. Sicher ist nur dies: die neun Monate, die seit dem Putsch der jungen Offiziere vergangen sind, haben genügt, um auch in den letzten Winkel die Devise vom „neuen Portugal“ zu tragen.

„Sozialismus in Freiheit“ lautet das Wort der Stunde. Aber fast jeder hat seine eigenen Vorstellungen darüber. Wen kann das verwundern bei einem Volk, das erst politisch total entmündigt war und nun zum umworbenen „Star“ gemacht wird? Ihm ist von der „Bewegung der Streitkräfte“ die Hauptrolle zugewiesen worden, in die es sich noch einüben muß. Das geschieht unaufhörlich, nicht zuletzt durch den politischen Aufklärungsfeldzug, den verschiedene Truppeneinheiten überall im Lande organisieren. Rundfunk, Fernsehen und Presse tragen dazu bei, die „Dynamisierung“ voranzutreiben. Worte wie „Faschismus“, „Reaktion“, „Volkskampf“ oder „Revolution“ sind zu gängigen Parolen geworden. So wird jetzt schnell jemand als „Faschist“ abgestempelt oder „Reaktionär“ genannt, der damit nie etwas im Sinn hatte. Die Nation reagiert allergisch auf ihre politische Vergangenheit.

Bis tief in die Nacht hinein wird in den Cafés selbst der entlegensten Dörfer über Sozialismus, Kommunismus und den verjagten Faschismus diskutiert. Woran bis zum 25. April nicht einmal im Traum gedacht werden konnte, ist nun Wirklichkeit geworden. Aber da liegt zugleich das Problem. Das Land ist mittlerweile so sehr von der Droge „Politik“ besessen, daß es Gefahr läuft, die Besinnung zu verlieren und möglicherweise einen Weg einschlägt, den es nicht einschlagen will. Gemäßigte politische Kräfte, wie etwa der Außenminister Mario Soares, der gleichzeitig Generalsekretär der Sozialisten ist, sprechen bereits von einem drohenden Bürgerkrieg, sollte es den Parteien der provisorischen Regierungskoalition nicht gelingen, eine gemeinsame Plattform zu finden. Sozialisten, Kommunisten und Volksdemokraten wurden von Soares aufgerufen, im Interesse der portugiesischen Nation eine „Allianz des Fortschritts“ zu bilden, mit den Anfeindungen und gegenseitigen Verdächtigungen, vor allem zwischen Sozialisten und Kommunisten, müsse endlich Schluß sein.

Das meinen inzwischen auch die führenden Männer der „Bewegung der Streitkräfte“, der MFA. Auf der ersten Seite ihres jüngsten Informationsbulletins machen sie ihrer Unzufriedenheit und Verärgerung über den andauernden Parteienstreit Luft und rufen zu gemeinsamer Arbeit auf. Dabei lassen sie keinen Zweifel, daß die MFA auch weiterhin eine entscheidende Rolle beim Aufbau Portugal spielen wird. Gemeinsam mit den „Volksmassen“ ist ihr der Sturz des „faschistischen und kolonialistischen Regimes“ gelungen, gemeinsam mit dem povo, dem Volk, will sie auch eine Demokratie unter sozialistischen Vorzeichen schaffen.

In den vergangenen Tagen wurde Portugal von neuem politischem Aufruhr erschüttert. Gerüchte und Spekulationen hatten Hochkonjunktur. Straßenterror in der Stadt Porto gegen vermeintliche Faschisten und Massenaufmärsche von Gruppen der radikalen Linken in Lissabon zwangen militärische Kommandos zum Einschreiten. Die Einheit zwischen Volk und Armee beim Aufbau einer „revolutionären Zukunft“ drohte Risse zu bekommen, bei den Demonstrationen wurden auch Anschuldigungen laut, die Streitkräfte machten gemeinsame Sache mit der Reaktion und hätten nicht mehr die Interessen des Volkes im Auge.