Von Gunhild Freese

Jack Valenti, Präsident der amerikanischen Filmgesellschaft Motion Pictures Association, fühlte sich angesichts des in den USA gestiegenen Kinobesuchs an längst vergangene Zeiten erinnert: "In Notzeiten, wie wir in den dreißiger und vierziger Jahren gesehen’ haben, kommen die Leute ins Kino. Nichts lenkt sie so von den Tagesproblemen ab wie Filme." Und der Filmboß weiß auch, warum: Die Zelluloid-Streifen sind immer noch, so Valenti, "die billigste Form der Unterhaltung".

Auch deutsche Kinos füllen sich wieder. Seit gut einem Jahr hat das Kinosterben ein Ende gefunden – in den Zentren der Großstädte werden sogar wieder neue Lichtspieltheater eröffnet. Und das Publikum drängt sich vor den Kassen – zu Schauerdramen wie "Der Exorzist", nostalgischen Erinnerungsstreifen wie "Der große Gatsby" und Action-Filmen wie "Ein Mann sieht rot".

Für Hans-Walter Peters, Prokurist der Düsseldorfer Rothschild-Kinokette, ist der neue Kinoboom allerdings erst indirekt ein Symptom der Krise: Die starke Verteuerung des Autofahrens habe den Deutschen ein wichtiges Freizeitvergnügen vergällt, und so kämen sie denn in den vergangenen zwölf Monaten immer häufiger wieder ins Kino. Die Langweiligkeit des Fernsehens, räumt Peters ein, könnte dabei freilich auch noch eine Rolle spielen.

Die Auto- und Mineralölindustrie jedenfalls bekam das neue Verbraucherverhalten schneller als erwartet und heftiger als erwünscht zu spüren. Bittere Bilanz 1974: fast zwanzig Prozent weniger Autoneuzulassungen als im Jahr zuvor und ein um rund drei Prozent geringerer Benzinverbrauch.

Was die Autohersteller bekümmert, macht indes den Reparaturwerkstätten Freude. Beim Kfz-Handwerk – in den Boomjahren der Autoindustrie mußten die Werkstätten wegen Auftragsmangel teilweise sogar Leute entlassen – fährt die Kundschaft in hellen Scharen vor. Denn weil viele Autofahrer sich nun neuerdings nicht mehr jedes Jahr ein neues Vehikel leisten wollen oder können, muß eben das alte länger halten – Reparaturwerkstätten verteilen plötzlich wieder Wartezeiten, und der Gebrauchtwagenhandel floriert.

Selbst bei Ersatzteilen sparen die Autobesitzer. Eine neue Branche profitiert davon: die Autoausschlachter. Die Preisdifferenz zwischen neuem und gebrauchtem’Ersatzteil ist oft so groß, daß sich sogar Reparaturwerkstätten, wie die Zeitschrift ADAC-Motorwelt kürzlich ermittelte, bei den Ausschlachten! bedienen.