Von Dieter Buhl

Der 38. Präsident der Vereinigten Staaten ist keine Persönlichkeit, die zu Höhenflügen anregt. Gerald Rudolf Ford wirkt so offen und überschaubar wie seine mittelwestliche Heimat, sein Lebensweg scheint so gradlinig wie die Mainstreet einer amerikanischen Kleinstadt. Die Biographie eines solchen Mannes verspricht wenig Aufregendes. Jerald F. ter Horsts Buch

"Gerald Ford – Der neue Mann im Weißen Haus"; Econ Verlag, Düsseldorf 1974; 352 S., 8 S. Abb., 36,– DM

kommt diesen Erwartungen entgegen. Solide und mit Sorgfalt registriert es die Lebensstationen des Präsidenten. Daher offenbart sich eine Kongenialität zwischen Autor und Objekt – bedingt durch landsmannschaftliche Verbundenheit, gemeinsame calvinistisch-holländische Abstammung und eine 25 Jahre währende Freundschaft – die die Lektüre gewiß nicht spannender, aber sicher lehrreicher macht.

Jerald ter Horst hat Ford lange Zeit als Journalist beobachtet und war kurze Zeit sein Pressesprecher im Weißen Haus. Er kennt den Präsidenten wie kaum ein anderer. Seinem Urteil kommt deshalb besondere Bedeutung zu, auch wenn es sich zumeist mit den Beschreibungen deckt, die gängig sind und die den ersten Mann Amerikas als "anständig, ehrlich, offen, direkt, unerschrocken, traditionsbewußt" bezeichnen. Boy Scout, Pfadfinder, so steht auf dem Charakterklischee, das Gerald Ford von seinen Landsleuten mal ironisch, häufiger aber voller Hochachtung aufgeklebt wird und das auch ter Horst zumindest nicht bewußt in Frage stellt.

Doch ist Ford wirklich nur der gute Mensch aus Grand Rapids in Michigan, ein Bilderbuchamerikaner, nur ohne scharfe Ecken und Kanten? Manche der in dem Buch erwähnten Lebensdaten fügen sich zu einem etwas originelleren Bild. Der adoptierte Sohn eines kleinen Möbelfabrikanten, der erst mit 17 Jahren und völlig unvorbereitet seinen leiblichen Vater kennenlernt, der Student, der jahrelang mit einem amerikanischen Topmodell befreundet ist, der ausgezeichnete Sportler, der beinahe zum professionellen football-Spieler wird, der Absolvent der Eliteuniversität Yale und hochdekorierte Marineoffizier hat in jungen Jahren kein amerikanisches Durchschnittsschicksal erlebt.

Sein Biograph wertet nicht, er hat kein Psychogramm, sondern eine übliche Lebensbeschreibung geliefert. So fehlt eine einleuchtende Erklärung für den Übergang von der bewegteren Jugendzeit zur überaus geordneten, ja monotonen Phase in Fords Leben. Ein Vierteljahrhundert vertrat der republikanische Abgeordnete den 5. Bezirk Michigan im Repräsentantenhaus, wiedergewählt im präzisen Zweijahresrhythmus. Schwierigkeiten oder Aufregungen gab es nicht an seiner politischen Basis, denn, so schreibt ter Horst: "Ford gehörte nicht zu jenen Abgeordneten, die den soliden Rückhalt aus ihrer Heimat dazu benutzten, sich in umstrittenen Fragen nur nach eigenen Gutdünken ohne Rücksicht auf den Wählerwillen zu engagieren." Edmund Burkes Imperativ, der fordert, daß ein Abgeordneter seinen Wählern nicht nur seinen Fleiß, sondern auch einen eigenen Standpunkt schuldet, galt nicht für Ford; er schwamm immer mit im Hauptstrom der Meinungen seiner Wählerschaft.