Von Rudolf Herlt

Könnte es diesmal wieder so kommen wie in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 oder ist die Flaute von heute eher eine Rezession wie 1966/67? Gewisse Ähnlichkeiten sind bei einem oberflächlichen Vergleich nicht zu übersehen. Handelt es sich wieder wie vor 45 Jahren um einen Entwicklungsbruch, der nur durch neue Lösungen zu überwinden ist, oder um einen gewöhnlichen Konjunkturzyklus, dessen Wellental nur besonders tief liegt, aus dem aber wie 1966/67 die bekannten Rezepte der Wirtschaftspolitik heraushelfen?

I.

Die Depression des Jahres 1931 hat, ähnlich wie die gegenwärtige Krise, alle Länder gleichzeitig erfaßt. Im Mai 1931 brach die österreichische Creditanstalt zusammen, im Juli desselben Jahres die Darmstädter und Nationalbank. Die Unternehmer verloren das Vertrauen in die bis dahin geltende liberale Ordnung.

Als im Juni 1974 die Kölner Herstattbank zusammenbrach und einige andere Banken in der Schweiz und in den USA in Schwierigkeiten kamen, erlitt das Vertrauen in die Fähigkeit der Politiker, mit den Schwierigkeiten unserer Zeit fertigzuwerden, wieder einen heftigen Stoß.

Im Dezember 1930 gab es in Deutschland drei Millionen Arbeitslose. Gegen die Massenarbeitslosigkeit schien kein Kraut gewachsen zu sein. Zwei Jahre später – im Januar 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen – wurden sechs Millionen Arbeitslose gezählt. In den USA waren beinahe 16 Millionen Menschen ohne Arbeit. Auch heute ist die Zahl der Arbeitslosen mit 6,5 Millionen in den USA wieder hoch. In der Bundesrepublik wurde die Millionengrenze überschritten, und die Prognostiker rechnen in den nächsten Monaten sogar mit 1,6 Millionen.

Kein Wunder, daß Erinnerungen an 1931 wach werden. Doch mit diesen Parallelen sind die Ähnlichkeiten schon erschöpft. Heute gibt es keinen so eindeutig fixierbaren Ausgangspunkt der Krise wie damals. Der Auftakt der Weltwirtschaftskrise war der Zusammenbruch einer durch starke Spekulation übersteigerten Börsenhausse in New York am 24. Oktober 1929. Etwas Vergleichbares war in unseren Tagen nicht zu beobachten.