Sepp Maier muß sich nicht schämen: Die Eigentore, die ihm sein teurer Freund und Libero seit einigen Spielen ins Netz zu schlenzen beliebt, entbehren keineswegs der ästhetischen Qualität des Komischen. Platte Dutzendware sind sie, in all’ ihrer erhabenen Unhaltbarkeit, eben nicht. Vielmehr haftet an ihrer nur scheinbar „blöden Zufälligkeit“ etwas historisch Notwendiges – daher die Häufung.

Historisches: Der Torwart hieß Fritz Herkenrath, sein Stopper war zuletzt unter dem Namen „Rückgaben-Schlömer“ bekannt. Dieser, Mitte der fünfziger Jahre Kapitän des damaligen Kölner Oberliga-Clubs „Preußen Dellbrück“, war ein durchaus eleganter Fußballspieler, dessen graumelierte Haare eben jene Würde signalisierten, die sich mit routinierter Übersicht im Mittelfeld nach langen Jahren einzustellen pflegt: Würdevoll drehte sich Schlömer, ganz unbedrängt, bisweilen um die eigene Senkrechtachse, um dann mit dem Innenrist eine ebenso plazierte wie scharfe Rückgabe flach aufs eigene Tor zu jagen. Das hatte etwas Erfrischendes wie heute die Schüsse des „Bullen“ Roth in die Nord- oder Süd-Tribünen. Schlömers Keeper, er stand schon in Herbergers Notizbuch, huschte dann flach und vergebens in die bedrohte Torecke.

An den Treffern haftete schon Verziehenes, ehe sie überhaupt im Tor einschlugen. Auch erregten sie kaum Mitleid, keinen Zorn, nur merkwürdigen Spaß, eine Art bodenloser Heiterkeit, die im Entsetzen mitschwingt, das in der Zirkusarena die Zuschauer faßt, wenn der Artist am Trapez seinen Partner verpaßt.

Unbekannt ist, ob Schlömer derlei kuriose Lust der Zuschauer an seinen Eigentoren ebenfalls verspürte; am Ende seiner braven Karriere jedenfalls häuften sich seine „falschen Treffer“ – bis schließlich deutlich wurde: Das war die Art eines noblen Mannes, der seinem Sport ein „Adieu!“ entbietet: Die Beine wollten nicht mehr.

Und nun sind sie wieder zu sehen: Diese Dokumente eines unbewußten Putsches, der da sagt: Wir, die Basis des Franz Beckenbauer, als da sind: Füße, Beine, Knie, Hüfte, Bauch, Arme, Brust und Hals, machen nicht mehr mit. Schluß, aus und vorbei, Herr Neudecker! Das nächste Selbsttor ist für die Dummköpfe, die Journalisten und speziell für das ZDF! Aber der Kopf sagt: Nein. Der Kopf sagt: Herr Cramer, mein Trauzeuge, ist ein netter Mann. Ihr dürft hier nicht so rumballern, ihr Füße des Franz Beckenbauer! Der Kopf sagt: Die Journalisten waren immer lieb zu mir, jetzt darf ich sie nicht enttäuschen. Und so wird der Unterbau des Franz Beckenbauer gezwungen, noch einmal kaiserlich zu reagieren. Im Wirklichkeit aber sind die Produktionsmittel abgestumpft, der Meniskus mahnt, die große Karriere wird langsam unhaltbar wie die Eigentore. Möge sie würdig enden wie die des vergessenen Kollegen Schlömer aus Köln-Dellbrück.

Michael Naumann