Von Heinz Michaels

Nun ist es also so weit: Mit der Jahreswende schnellte die Zahl der Arbeitslosen über die Millionengrenze; eine „magische Ziffer“ ist erreicht worden. Erinnerungen an eine Zeit werden wach, an deren Rückkehr niemand mehr glauben mochte, an die große Krise von 1929. Arbeitslosenzahl Ende Januar: rund 1,15 Millionen.

Doch Arbeitslosigkeit, so sagte Bundeskanzler Helmut Schmidt im letzten Herbst auf einer Versammlung von Metallarbeitern in Hannover, bedeute in der Bundesrepublik ja keineswegs „Existenznot“. Und auf einem Flugblatt der SPD war zu lesen, „daß jeder Arbeitnehmer gegen Arbeitslosigkeit abgesichert ist“ – gemeint war wohl: gegen die schlimmsten finanziellen Folgen einer Arbeitslosigkeit.

Derweil sind die Zeitungen voll von dramatischen Geschichten über Arbeitslose. So berichtet etwa die „Bild“-Zeitung über den Maurer Franz K. aus Regensburg, der nach seiner Kündigung völlig niedergeschlagen war. „Stempeln – das ist nichts für mich“, sagte er zu seinen Kollegen. Er ging nach Hause, berichtete seiner Frau von seinem Schicksal und ging dann schlafen. Zwei Stunden später fand ihn seine Frau tot im Bett – vergiftet mit Tabletten.

Wie eine Bestätigung der Schmidtschen Beruhigung liest sich dagegen eine Reportage im „Hamburger Abendblatt“ über die Lage des Maurers W. – einer von dreitausend Arbeitslosen im Hamburger Baugewerbe. „Nein, Armut ist bei der Familie W. noch nicht eingezogen“, heißt es da, auch nach drei Monaten Arbeitslosigkeit noch nicht. „Bisher hat die vierköpfige Familie ihren Lebensstandard nicht wesentlich eingeschränkt. Immerhin: Kinobesuche und Wochenendausflüge sind längst vom Programm gestrichen. Und Weihnachten haben sich Marianne und Günter W. zum erstenmal nichts geschenkt.“

Die Lage des Maurers W. mag symptomatisch sein für die Situation vieler Arbeitnehmer mit etwa durchschnittlichem Einkommen, die ihren Job verloren haben: Mit einem Arbeitslosengeld von gut tausend Mark im Monat kann man sich über Wasser halten, ein Jahr lang wenigstens, solange der Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Der Notgroschen der Familie geht allerdings drauf.

Über Wasser halten kann sich auch der Architekt Karl-Heinz W., 33 Jahre alt, der in Berlin bereits vor eineinhalb Jahren seine Stellung verlor, in der er monatlich 2800 Mark netto verdiente. Weil er allein lebt, reichen ihm – inzwischen auf Arbeitslosenhilfe gesetzt –, die 300 Mark monatlich vom Arbeitsamt. Aber weil ihn die „lange Zeit ohne Arbeit wahnsinnig“ machte, wollte er sich eine neue Stellung durch einen Hungerstreik erzwingen.