Zehn Jahre nach den stürmischen Tumulten in Berkeley fragen sich viele, wo denn die rebellischen Studenten geblieben seien; die Zeitschrift „Business Week“ bot eine Teilantwort: Viele identifizierbare einstige „Rebellen“ arbeiten heute erfolgreich im Geschäftsleben, in der Industrie, zeichnen sich durch besondere Phantasie und Sicherheit aus, bereit zu kündigen, wenn ihre Verdienste nicht genügend anerkannt werden. Ihr Stil, ihre Intelligenz imponieren. Andere sind Dozenten geworden und gehören damit oft wahrhaft zur unzufriedenen Masse der Hochschulen, bedroht, weil die Mittel knapper und die neue Schulgeneration geringer wird.

Die Studenten und alle Intellektuellen, die ihnen zujubelten, das war der eine, sichtbare Teil jener Neuen Linken. Die radikalisierten Schwarzen, die „Black Panthers“, das war der andere Teil. Auch hier herrscht Stille. Romanciers wie James Baldwin wirken in einer wieder ganz auf Reformen, auf einzelne Fortschritte orientierten Schicht fast wie Anachronismen. „Warum spricht man von unseren Helden des Gewaltkultes, statt von unseren Technikern, Managern, Politikern, die sich bewähren?“ fragt ein schwarzer Publizist. Man spürt die Absage an jenen radical chic, den der Journalist Tom Wolfe anläßlich einer Party des Komponisten Bernstein für Schwarze Panther so wirkungsvoll verspottet hat und der nunmehr zu einem vergangenen Stil gehört.

Als vor sieben Jahren der Reformer Martin Luther King erschossen wurde – die Auftraggeber des gedungenen Mörders sind nie entlarvt worden – war er schon nicht mehr der große Mann. Nach Malcom X waren es solche Propheten der Gewalt wie Eldrige Cleaver, Stokely Carmichael, später Angela Davis. Das intellektuelle Organ der Neuen Linken hieß „New York Review of Books“, das Molotowcocktails abbildete und Manifeste an die „Brüder“ und „Schwestern“ der Bewegung druckte. Dieses Organ hat jetzt die Selbstbiographie der Angela Davis mit Vorbehalten besprochen, dabei auch über jene Märtyrer der Gefängnisrevolte, die „Soledadbrüder“, glanzlos und mehr in Trauer als in Zorn geschrieben.

Die extremen schwarzen Gruppen hatten die weißen Liberalen und Radikalen, die ihre Mitstreiter sein wollten, aufs Korn genommen, beleidigt, abgestoßen – und es gehörte nicht nur Idealismus, sondern eine Portion Masochismus dazu, um auf jede Ohrfeige mit einem neuen Schuldbekenntnis und mit Geldsammlungen zu reagieren. Einige Jahre ging das, aber nun ist es zu Ende. „Sie wollen uns nicht, dann haben wir auch keine Verpflichtung mehr“, ist die häufigste Reaktion. Außerdem: Man weiß, welche schwarzen Gesetzgeber oder Bürgermeister erfolgreich sind und auch von einer weißen Mehrheit gewählt werden, aber wer weiß noch, welcher der damaligen umjubelten Führer in Algier sitzt oder vielleicht auch wieder daheim?

Die Schwarzen haben die „ethnische“ Revolution ausgelöst – und zu ihrem eigenen Schaden haben sie Schule gemacht. Jetzt heißt es nicht mehr nur black is beautiful, sondern auch slovak is beautiful; jede „völkische“ Gruppe – man spricht von ethnics wie einst von beatniks – glorifiziert ihre Kultur und Vergangenheit. Die Chicanos, die Amerikaner mit spanischer Muttersprache, sind die mächtigste Minderheit, sie beginnen, das Spanische als erste Schulsprache in ganzen Stadtteilen durchzusetzen. Sobald das ethnische Bewußtsein nicht mehr ein schwarzes Monopol ist, trägt es dazu bei, die Schwarzen weniger sichtbar zu machen, wo doch ihr Ziel das Gegenteil war.

Sieben Prozent Arbeitslose, in manchen Staaten auch zehn Prozent, und doch kein Klassenkampf, keine Arbeiterbewegung, die sich mit den Zielen der Linken, mit der Systemveränderung in Richtung auf Sozialismus identifizierte! Die Grubenarbeiter von Virginia haben für höhere Löhne gestreikt: Sie haben aber zugleich dafür gesorgt, daß bestimmte Texte über moderne Probleme wieder aus den Schulbüchern verschwanden, damit ihre Kinder nicht „korrumpiert“ werden. Niemand predigt den Iren und Schwarzen von Süd-Boston, die wegen der Schulintegration in heftigem Konflikt stehen, daß sie als Arbeiter gemeinsame Interessen haben. Angesichts ihrer Leidenschaftlichkeit wäre das auch sinnlos.

„Ramparts“, eine Zeitschrift, die sich einst durch unbequeme Beiträge hervortat, bringt über die Integration durch busing – das Fahren von Schülern aus einem Stadtteil in einen anderen – differenzierte, im allgemeinen eher ablehnende Meinungen, ist also ebenfalls mehr ein Organ der Reflexion als der Militanz.