Eine der gängigsten Stereotype der wirtschafts- und ordnungspolitischen Diskussion in der Bundesrepublik besagt, daß der Mittelstand von den Großen der Branchen überrollt, von den Konzernen geschluckt wird. Kleinere und mittlere Unternehmen sollen auch stärker als die „Großen“ unter der Politik des knappen Geldes und der hohen Zinsen gelitten haben, die die Bundesbank erst im vergangenen Spätherbst zu lockern begonnen hat. Schließlich würden sie auch im Bonner Konjunkturprogramm vom Dezember stiefmütterlich behandelt.

Alle diese Aussagen und Urteile, an die man sich seit Jahren so sehr gewöhnt hat, sind möglicherweise grundfalsch. Das renommierte Baseler Wirtschaftsforschungsinstitut „Prognos“ kommt jetzt in einer für die Bundesregierung erarbeiteten Untersuchung zu dem Schluß, daß der Mittelstand eine Zukunft hat. Auch Mitte des kommenden Jahrzehnts werde noch ein etwa gleich großer Teil der deutschen Arbeitnehmer in mittelständischen Unternehmen arbeiten wie heute.

Die wichtigsten Ergebnisse dieser Prognos-Untersuchung, die nach einer aus dem Bundeswirtschaftsministerium zu hörenden Ansicht „einige gesellschaftspolitische Grundannahmen auf den Kopf“ stellt, sind:

  • Die derzeitige Struktur der deutschen Wirtschaft dürfte sich hinsichtlich der Unternehmensgröße bis 1985 nur geringfügig ändern. Zwar wird im Vergleich zu 1970 die Zahl der Unternehmen mit höchstens neun Beschäftigten von 1,87 auf 1,63 Millionen sinken; die Zahl der Unternehmen mit zehn bis vierzig Mitarbeitern wird dagegen um über zehn Prozent auf 199 700 steigen. Die Zahl der Unternehmen mit 50 bis 99 Beschäftigten wächst um 1,32 Prozent auf 24 800. Von 11 200 auf 12 700 dehnt sich die Gruppe der Betriebe mit 100 bis 199 Mitarbeitern aus. Unternehmen mit 200 bis 499 Beschäftigten wird es dagegen statt 6900 nur noch 6600 geben, während die Gruppe der Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern geringfügig von 3600 auf 3800 anwachsen wird.
  • Schon von 1961 an konnte man keine allgemeine, sondern lediglich eine auf einzelne Branchen beschränkte Konzentrationstendenz in der deutschen Wirtschaft beobachten. Diese Entwicklung wird sich bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts wohl nur noch im Baugewerbe fortsetzen, wo den Betrieben mit über 500 Beschäftigten die Zukunft gehört.
  • Die Bereitschaft zur Selbständigkeit nimmt offenbar nicht ab. Gerade im mittelständischen Bereich hat sich die Zahl der jüngeren Selbständigen beträchtlich erhöht.
  • Mittelständische Unternehmen sind für Arbeitnehmer attraktiv, obwohl sie im Durchschnitt etwas weniger bezahlen und schlechtere Aufstiegschancen bieten. Der Anteil der Arbeiter bis 30 und Angestellten bis 35 Jahre sinkt deutlich mit zunehmender Unternehmensgröße, während der Anteil der über 45jährigen ebenso gleichmäßig mit der Unternehmensgröße wächst. Kleinere und mittlere Unternehmen beschäftigen relativ mehr höher ausgebildete Mitarbeiter (Facharbeiter, leitende und höhere Angestellte mit abgeschlossener Ausbildung und in verantwortlicher Tätigkeit). Ob sie in Zukunft ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern werden decken können, hängt hauptsächlich von ihrer Ausbildungstätigkeit ab – um die sie sich indes neuerdings häufiger und zu ihrem eigenen Nachteil drücken.
  • Finanzierungsprobleme treten bei kleineren und mittleren Unternehmen vor allem wegen ihrer besonderen Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Investitionsplanung auf. Finanzierungssorgen haben vor allem auch jene mittelständischen Unternehmen, in deren Branchen eine relativ hohe Kapitalausstattung verlangt wird. Insgesamt aber werden besondere Finanzierungsprobleme nur in etwa 3,5 Prozent aller Fälle dazu führen, daß kleine und mittlere Unternehmen geschlossen, verkauft oder an größere Unternehmen angelehnt werden. Andere Umstände werden hier bedeutend mehr Einfluß ausüben: Vor allem der Zwang zur Massenfertigung oder die Chance der Spezialisierung werden die wichtigsten Gründe dafür sein, daß ein mittleres Unternehmen vom Markt verschwindet oder größer wird.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben mithin eine Zukunft. Der zumeist nur von einer oder zwei Personen geführte „Tante-Emma-Laden“ wird im nächsten Jahrzehnt zwar noch seltener zu finden sein als heute – aber schließlich gehören auch der Discounter und der spezialisierte Handwerksbetrieb zum Mittelstand.

Dieter Piel