Flutwarnung aus Amerika: Die Welle der Katastrophenfilme rollt an

Von Wolf Donner

Die Hölle ist los, tosend bricht das Jüngste Gericht über die Erde herein. Die Elemente geraten in Aufruhr, der Boden bricht auf, Feuer und Wasser verschlingen Autos und Häuser, Straßen und Brücken knicken ein, Wolkenkratzer sacken zusammen, es hagelt Glas und Beton. Und schreiend purzeln Menschen in die Tiefe, verkohlen als lebende Fackeln, werden von tödlichen Schutt- und Wassermassen fortgewirbelt. Dunkle Schicksalsmächte schlagen zu, lösen neues Unheil, Katastrophen, Unfälle aus, und Bösewichter legen Bomben und Brände. Da wird ein Fahrstuhl zum Krematorium, ein Schiff, ein Flugzeug, ein Hochhaus zum Pulverfaß, ein Notlazarett zum Massengrab. Eine seltsame Lust an Chaos, Tod und Untergang gebiert immer neue Bilder monumentaler Tragödien: Hollywood produziert Apokalypsen in Serie. Das Weltende rückt uns, im Kino jedenfalls, immer näher.

Schon einmal, zu Beginn der dreißiger Jahre, offerierten Kinospektakel gigantischer Erdbeben-, Sturm-, Schiffs-, Feuer- und Heuschreckenkatastrophen einem krisengeschädigten Publikum Ablenkung von Depression und Inflation, ermunternde Durchhalte-Parolen und gute Überlebenschancen denen, die unverzagt auf Gott vertrauten und mutig ihr Geschick selbst in die Hand nahmen. Aber auch in guten Zeiten machte sich die Filmindustrie die Attraktion und Faszination tumultuarischer Massenunglücke zunutze; allein viermal wurde der Untergang der Titanic verfilmt.

Den neuen Desasterboom haben die Kassenrekorde der Filme „Airport“, „Die Höllenfahrt der Poseidon“ und „Der Untergang Japans“ ausgelöst. Im weiteren Sinne gehören zu den Vorläufern auch Geisel-, Entführungs- und Erpressungsgeschichten wie „Nada“, „Endstation Hölle“ oder „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“, eine Gruppe von Horrorfilmen mit mörderischem Kleingetier (Frösche, Ameisen, Ratten) und Sozialutopien wie „Zardoz“ oder „Jahr 2022... die überleben wollen“.

Nun werden vor allem in Amerika geradezu fieberhaft Monumentalkatastrophen gedreht, Filme mit ungewöhnlich hohen Budgets, ganzen Heerscharen von Komparsen, verschwenderischem Materialverschleiß und aufwendigen Starparaden. Die vier ersten laufen in den nächsten Wochen bei uns an.

Erst zerstört ein Erdbeben große Teile von Los Angeles, dann schüttet ein gebrochener Staudamm eine gigantische Wasserflut über das Trümmerfeld. Mit George Kennedys Hilfe rettet Charlton Heston seine Freundin Genevieve Bujold und die halbe Stadt; auch Richard Roundtree und Lorne Greene packen kräftig zu, und Walter Matthau säuft sich durch. Nach getaner Arbeit stirbt Heston tapfer mit seiner Frau Ava Gardner. („Erdbeben“ von Mark Robson)