Von Diether Stolze

Ein Land mit einer begehrten Währung und einem gewaltigen Devisenschatz, mit dem größten Exportüberschuß und der geringsten Preissteigerungsrate, mit in aller Welt anerkannten industriellen Spitzenleistungen, in dem noch dazu sozialer Friede herrscht. Ein Land im Abstieg in eine ökonomische Krise, mit wachsender Massenarbeitslosigkeit und einem Rekord an Unternehmenspleiten, mit sinkender Produktion, erlahmter Investitionskraft – unterwegs in eine Finanzkrise, die es an den Rand des Staatsbankrotts führen könnte. Zwei Bilder, dasselbe Land: Die Bundesrepublik heute – von draußen und von drinnen gesehen.

Über die Frage, wie es denn nun wirklich bestellt ist um die wirtschaftliche Lage der Deutschen, wird hierzulande erbittert gestritten. Die Opposition malt schwarz in schwarz, während Regierung und Koalition allenthalben freundliche Farbtöne entdecken. Die Widersprüche lösen sich freilich schon bei oberflächlicher Analyse rasch auf. Im Februar 1975 sind eben beide Aussagen gleichermaßen korrekt: Es geht mit uns wirtschaftlich schneller bergab als je im letzten Vierteljahrhundert – aber es geht uns auch immer noch besser als anderen Ländern.

Zum Ärger der Koalition freilich scheinen die Wähler kaum bereit, das „relativ geringere Übel“ als Leistung zu honorieren. Wer in Bochum oder Würzburg seinen Job verliert, findet eben wenig Trost darin, daß in Seattle oder Chicago die Arbeitslosenquote doppelt so hoch liegt. Und wer feststellt, daß die Inflation seine Ersparnisse annagt, der mag nicht nachrechnen, wieviel schlimmer es ihm ergangen wäre, wenn sein Kapital in Lira oder Pfund angelegt gewesen wäre.

Nun wäre es gewiß kein Grund zu sonderlicher Beunruhigung, wenn sich als Folge der konjunkturellen Entwicklung lediglich die Wahlchancen von SPD und FDP verschlechtern würden. Leider steht zu befürchten, daß sich die ökonomische Krise weiterfrißt, also die Pessimisten im eigenen Land realistischer urteilen als die Beobachter draußen, die uns um die „härteste Währung der Welt“ beneiden. Die Wirtschaftsredaktion versucht in dieser Ausgabe, den Abstieg in die Krise zu schildern, seine Ursachen zu analysieren und die wahrscheinliche Entwicklung aufzuzeigen, Fazit: Die Talfahrt wird noch weitergehen, der Aufstieg spät beginnen und recht mühsam werden.

Seit Monaten drückt sich die Regierung darum herum, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Im Oktober, als die Rezession längst begonnen hatte, bezeichneten Sprecher der Koalition die Expertenschätzung, wonach im Winter eine Million Menschen ohne Arbeit sein würden, als „Tatarenmeldung zum Zweck massiver Wahlbeeinflussung“. Heute ist klar, daß wir Glück haben, wenn die Zahl der Arbeitslosen nicht eineinhalb Millionen erreicht.

Auch in Prognosen für das wirtschaftliche Wachstum in diesem Jahr zeigt Bonn unverdrossen Optimismus – wobei die Frage offen bleibt, ob damit nur die Wähler beruhigt werden sollen oder die Verantwortlichen sich am Ende gar selber Mut machen wollen. Zwar ist inzwischen das Ziel bescheidener geworden, aber auch zwei Prozent reale Zunahme des Sozialprodukts, wie im Jahreswirtschaftsbericht angekündigt, halten so gut wie alle Experten für unerreichbar. Noch herrscht Rezession und gegenwärtig spricht nichts dafür, daß Helmut Schmidt sein Neujahrsversprechen wird einlösen können, wonach wir „im Frühsommer über den Berg sein werden“. Ein „Aufschwung nach Maß“ zeichnet sich diesmal wirklich nicht ab.