Von Joachim Nawrocki

Die Sowjetunion", sagte DDR-Kommentator Günter Leucht im Ost-Berliner Fernsehen, "könnte für ihr Öl im Moment auf dem kapitalistischen Markt etwa viermal soviel Geld bekommen wie von uns. Aber die sowjetischen Lieferungen an uns erfolgen vertragsgerecht zu den langfristig vereinbarten Preisen. Das ist der solide Grundstock, meine Damen und Herren auf dem unsere Wirtschaft ruht. Vor allem auch deshalb kann die kapitalistische Inflation nicht ungehemmt zu uns herüberschwappen."

Gleichwohl schwappt es in den gesamten Ostblock hinüber. In Polen wurden nicht nur Benzin, sondern auch Taxis, Autobusse, Flugkarten, Postgebühren, Restaurants, Alkohol, Fleischwaren, Obst und Gemüse teurer. Das gesamte Preisniveau stieg 1974 um rund fünf Prozent.

In Ungarn stiegen die Preise 1974 um rund zwei Prozent, für dieses Jahr werden 3,6 Prozent Preissteigerungen erwartet. Rohöl und Mineralölprodukte wurden um vierzig bis hundert Prozent teurer, Gas, Heizung und Warmwasser um zwanzig Prozent. Die Produzenten dürfen ihre Erzeugerpreise um durchschnittlich acht Prozent erhöhen, aber durch Steuersenkungen und weitere Subventionen sollen die Verbraucher wenigstens teilweise entlastet werden. Doch hat die Regierung die Ungarn darauf vorbereitet, daß ihr Lebensstandard nicht mehr so schnell wachsen wird wie in den letzten Jahren. Weil die Preiserhöhungen für Importgüter nicht mehr durch Subventionen aufgefangen werden können, soll das gesamte Preissystem in Ungarn überprüft werden. Zur Deckung der Zahlungsbilanzdefizite hat Ungarn Kredite in Kuwait und Libyen aufgenommen.

Am schlimmsten ist das dem Comecon nur lose assoziierte Jugoslawien betroffen. Seine Importpreise stiegen 1974 um weit über fünfzig Prozent, die Exporterlöse nur um rund vierzig Prozent. Mindestens hunderttausend Gastarbeiter sind aus Westeuropa zurückgeströmt und haben das Heer der halben Million einheimischer Arbeitslosen vergrößert.

Die eigentlichen Schwierigkeiten für die Comecon-Staaten beginnen aber erst jetzt. Bis zum Jahresende müssen die Verrechnungspreise für den Handel zwischen den Comecon-Staaten festgelegt werden, denn dann beginnt die neue Fünfjahresplanperiode 1976 bis 1980. Diese. Preise werden an Hand eines langfristigen Durchschnitts der (westlichen) Weltmarktpreise festgelegt. Ein langes Feilschen darüber, welche Abschläge für "spekulativ und konjunkturelle Einflüsse" auf diese Preise notwendig sind, ist zu erwarten. Jedes Comecon-Mitglied möchte bei seinen Exportprodukten möglichst geringe Abschläge – und hohe bei den Produkten der anderen.

Die Steigerung der Rohstoffpreise, die exotischen Zinsen, die nachlassende Nachfrage auf westlichen Märkten – all dies läßt die Ostblock-Wirtschaften nicht unberührt. Es beeinflußt nicht nur die Verrechnungspreise, sondern natürlich auch den Westhandel der Staatswirtschaften, ihre Zahlungsbilanzen, den Handel der Ostblockländer untereinander, und mittelbar auch die Situation auf den östlichen Binnenmärkten.