Von Jürgen Kramer

Washington, im Februar

In der amerikanischen Hauptstadt macht derzeit ein Dokumentarfilm über das Vietnam-Trauma der Amerikaner Furore, der noch vor ein paar Monaten kaum auf breiteres Interesse gestoßen wäre. Denn Amerika war gerade eben dabei, Vietnam nach Kräften zu verdrängen, und gewiß nicht in der Stimmung, sich durch provozierende Form zu selbstkritischer Bewältigung der jüngsten Vergangenheit auffordern zu lassen. So landete Hearts and Minds denn auch nicht von ungefähr in einem der kleinsten Kinos Washingtons, einem Treffpunkt der cineastischen Avantgarde.

Ein Teil des durchaus nicht nur jungen Publikums lacht schadenfroh auf, wenn der Film John F. Kennedy, Lyndon Johnson und Richard Nixon Revue passieren und sie mit stereotyp wiederkehrender Schablonenhaftigkeit sagen läßt, das Ende des Tunnels sei nun endlich in Sicht, und es bedürfe nur noch einer allerletzten Geduldsprobe seitens der Amerikaner, um der Freiheit in Südvietnam vollends zum Siege zu verhelfen. Andere sehen in den hohlen Durchhalteparolen wenig Anlaß zu selbstzufriedenem Amüsement. Denn die Geister, die verscheucht, die Schablonen, die ein für allemal diskreditiert schienen, sind auf einmal wieder da. Die Fortsetzung des Films findet in der Washingtoner Realität des Jahres 1975 statt.

Amerikas Regierung ist offenbar mit ihrem Vietnam-Latein am Ende. So genieren sich Präsident Ford und sein Vize Rockefeller nicht, auf das rhetorische Arsenal ihrer Vor- und Vorvorgänger zurückzugreifen, um 522 Millionen Dollar an Nachtragsforderungen für Südvietnam und Kambodscha durch den Kongreß zu pauken.

Doch an diesen Millionen scheiden sich die Geister. Senator Kennedy: „Wir hören dieselben Argumente und dieselben alten Dispute über denselben alten Krieg.“ Präsident Ford mußte sich daher auch die Frage gefallen lassen, ob ihm denn nicht ein wenig unbehaglich zumute sei, wenn er sich auf seine Vietnam-Experten berufe, die ihm sagen: „Nur noch ein bißchen mehr (amerikanische Hilfe), dann wird alles in Ordnung sein.“ Doch Gerald Ford fühlte sich nicht unbehaglich, als er alte Ladenhüter anpries: „Ich glaube, eine Investition von 300 Millionen Dollar in Südvietnam könnte jetzt sehr wohl der Schlüssel zur Bewahrung der Freiheit dieses Landes sein.“

Doch zugleich straft der Präsident seinen eigenen Optimismus Lügen, wenn er hinzufügt: „Wenn das Geld nicht bewilligt wird und in sechs Monaten geschieht dort Unheil, dann wäre das eine ungemein traumatische Erfahrung für das amerikanische Volk.“ Mit der Stabilität des Regimes Thieu scheint es also nicht nur in den Augen der umfangreichen Vietnam-Opposition, sondern auch des Weißen Hauses so weit her nicht zu sein. Dennoch erklären Präsident und Vizepräsident, wenn die Demokraten die zusätzliche Militärhilfe für Saigon verweigerten, müßten sie auch bereit sein, die Verantwortung vor der Geschichte zu tragen, wenn Südvietnam in die Hände der Kommunisten fallen sollte. Das alles erinnert an jene Kampagne zu Beginn der fünfziger Jahre, die der Kolumnist Joseph Alsop seinerzeit mit der Schlagzeile einläutete: „Warum wir China verloren“ und die schließlich in eine Hetzjagd der militanten Antikommunisten Amerikas gegen die Verfechter einer Anerkennung der Volksrepublik China ausartete.